Studierende unterstützen – Umgang mit psychischem Druck im Jurastudium

Plötzliche Übelkeit unter der Dusche vor der Klausur, Prüflinge, die unmittelbar vor Beginn der Klausur das Bewusstsein verlieren und vom Stuhl kippen, Depressionen – all dies sind Stresssymptome, von denen man regelmäßig hört, und das nicht nur im Jurastudium. Studierende verschiedenster Fächergruppen klagen häufig über Überlastung, Versagensängste sowie enormen Leistungsdruck, insbesondere vor Klausuren. Was also qualifiziert den psychischen Druck im Jurastudium im Besonderen? Ist es gerechtfertigt, bei dem Vorhaben, psychischen Druck im Jurastudium zu reduzieren, auch fachspezifisch anzusetzen?

DER AUFBAU DES JURASTUDIUMS ALS STRESSVERSTÄRKENDER FAKTOR

Das Studium der Rechtswissenschaft weist einen hohen Grad an abstrakten Inhalten auf, wodurch die Studierende gerade im Vergleich zu naturwissenschaftlichen Studiengängen seltener das Erlebnis motivierender „Aha“-Effekte haben. Auch in der Medizin, wo der Vergleich aufgrund des Abschlusses mit Staatsexamen vielleicht näher liegt, ist deutlich mehr Praxis­bezug gegeben.

Die Fokussierung auf das Staatsexamen als einzig relevante Prüfung, schier unüberwindbare Hürde und Eingangstor in die berufliche Welt der Jurist*innen wird von Studienbeginn an vermittelt. Dadurch steigt die persönliche Bedeutung der Staatsprüfung für die Studierenden enorm: Die Leistung im Staatsexamen sei entscheidend für die berufliche Zukunft, entscheidend dafür, welche Türen sich öffnen und welche ohne ein „Vollbefriedigend“ immer verschlossen bleiben.

Es kommt auf punktgenaue Leistungserbringung an: Durchschnittlich sechs Klausuren à fünf Stunden in ein bis zwei Wochen, plus eine mündliche Prüfung von weniger als einer Stunde, die bis zu 40% der Note ausmacht. Horror für die Studierenden ist natürlich der Gedanke des mehrmaligen Durchfallens; denn das bedeutet einen Rückfall auf den Abschluss „Abitur“, und das nach wohl regelmäßig mehr als sechs Jahren Studium.

Diese Faktoren können insbesondere in der Examensvorbereitung zu erhöhtem Druck führen. Denn gerade in dieser Studienphase, in der die Studierenden sich regelmäßig ausschließlich mit dem Staatsexamen und im Hintergrund unausweichlich auch mit dessen Bedeutung auseinandersetzen, kommen Entspannungspausen oft zu kurz. Das kann dauerhafte körperliche Stressreaktionen auslösen – Jurastudierende sind insbesondere in der Phase der Examensvorbereitung besonders gefährdet, unter chronischem Stress zu leiden.

NORMATIVER ANKNÜPFUNGSPUNKT

Wichtig bei der Suche nach dem Ansatzpunkt für die Reduktion von psychischem Druck im Jurastudium ist der Blick in die Gesetze der Bundesländer. Eingebettet in verschiedenste Formulierungen sind über die einzelnen Bundesländer hinweg „soziale Betreuung“ (vgl. Art. 88 Abs. 1 Satz 1 BayHSchG), „Dienstleistungen auf sozialem […] Gebiet“ (vgl. § 2 Abs. 1 StWG NW) bis hin zu ausdrücklicher Etablierung psychologischer und psychosozialer Beratung durch das entsprechende Studierendenwerk vorgesehen. Eine klare Linie, wie eine psychotherapeutische Beratung für Studierende auszusehen hat und ob dies auch die Bekämpfung von chronischem Stress umfasst, wird weder hochschulgesetzlich noch durch die Gesetze zu Studierendenwerken ausformuliert und bleibt somit Angelegenheit des zuständigen Werkes. Ob eine Beratungsstelle bereitgestellt werden muss, welche Leistungen sie tatsächlich erbringt und in welchem Umfang Studierendenvertreter*innen Einfluss auf Gestaltung und Inhalt einer solchen Stelle nehmen könnten, ist ebenfalls offen.

Hilfe für Studierende: Beispielprojekt mediCO

Viele Universitäten haben mittlerweile allgemeine psychologische Anlaufstellen für Studierende. Die Akzeptanz und das Bewusstsein um die Existenz der Problematik psychischer Belastung steigt. Jedoch unterscheidet sich die Art und Weise der Belastung nicht nur individuell, sondern auch abhängig von verschiedenen Studiengängen und ihren Rahmenbedingungen. Idealerweise sollte bei der Beratung für Studierende eben daran angeknüpft werden.

Positiv hervorzuheben ist das seit 2016 bestehende Coaching-Projekt „mediCO“ an der Universität Heidelberg, welches im Folgenden kurz vorgestellt werden soll. mediCo wurde von Tom Reschke einem Diplompsychologen der Universität Heidelberg entwickelt und richtet sich dort speziell an (Zahn-)Medizinstudierende. Anknüpfend an „mediCO“ arbeitet Tom Reschke nun für die Juristische Fakultät der Universität Heidelberg am Projekt „Selbstregulation und Wohlbefinden in der Examensvorbereitung. Das Konzept von mediCO fußt auf drei Säulen: Coaching und Einzelgespräche, Themenbezogene Kurse und Workshops und Peer-Coaching.

Bei den Coachings werden Themen wie Selbst- und Zeitmanagement, Lernblockaden und Motivationstiefs sowie Prüfungsangst besprochen. Jedoch können sich auch private Beziehungsprobleme auf die psychische Belastung im Einzelfall auswirken und somit Thema sein. Die themenbezogenen Kurse und Workshops sind als dreistündige Veranstaltungen gestaltet, die Einheiten zu Lernstrategien, mentale Stärken, Stressbewältigung, Zeit- und Selbstmanagement sowie Prüfungsstress und Prüfungsangst beinhalten.

Das Peer-Coaching als dritte Säule besteht aus einem zweistündigen Treffen am Anfang jedes neuen Semesters, bei dem Studierende aus höheren Semestern ihre Tipps und Tricks und Erfahrungsberichte teilen. Ziel ist es, zunächst die konkrete Problematik einzuschätzen, eine psychosoziale Evaluation vorzunehmen und Perspektiven zu generieren. Darauf aufbauend sollen die Studierenden bei der Umsetzung unterstützt werden und persönliche Hilfestellungen bei einzelnen Handlungsschritten bekommen. Bei Bedarf kann auch eine Weiterleitung zu bestehenden Netzwerken und Angeboten (z. B. Psychotherapie) erfolgen.

Das Coaching für Jurastudierende soll den Namen „HeidelPräp!“ tragen und zielt darauf ab, künftig ein psychologisches Unterstützungskonzept während der Examensvorbereitung zu bieten. Nach einer Pilotstudie im Jahr 2017 und einer darauffolgenden dreiphasigen Self-Coaching-Studie befindet sich das Forschungsprojekt aktuell in der Phase der Datenaufbereitung. Das Coaching-Angebot soll, ähnlich wie mediCO, aber speziell auf die besonderen Belastungen im Jurastudium zugeschnitten, an den Themen Stress und Belastung ansetzen und interessierten Studierenden helfen, eine gute Balance zwischen Lernen und Erholen zu finden.

URSACHENBEKÄMPFUNG

Solche Projekte können sehr effektiv sein, um individuell und auch fachspezifisch auf die Probleme der Studierenden einzugehen – jedoch werden hier die Symptome bekämpft. Um nachhaltig psychischen Druck zu reduzieren, muss früh im Studium angesetzt werden. Zum einen geht es hierbei um die Vermittlung richtiger Lerntechniken. Zum anderen geht es aber auch um einen Ansatz nicht nur bei den Studierenden, sondern bereits im Aufbau des (Jura-)Studiums.

Hier wäre ein erster Schritt die Entschlackung des Pflichtstoffs für das erste Staatsexamen. Diesem Vorhaben haben sich die Justizministerien im Rahmen einer Harmonisierung der Pflichtstoff-Kataloge der verschiedenen Bundesländer angenommen. Folge dessen ist eine bundeslandabhängige mehr oder weniger starke Reduktion des Pflichtstoffs. Weniger Masse an Inhalten, die punktgenau abrufbar sein müssen, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenngleich für manche Studierende die Harmonisierung sogar eine Erweiterung des Pflichtstoffs bedeutet.

Eine Entschlackung des Pflichtstoffs alleine vermag den Druck durch besondere Bedeutung des Staatsexamens und den bereits angesprochenen Horror des endgültigen Durchfallens jedoch nicht verhindern. Deshalb setzt sich der Bundesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften e.V. (BRF) seit 2016 für die Schaffung eines in das Jurastudium integrierten Abschlusses eines Bachelor of Laws (LL.B.) ein. Dieser Abschluss könnte durch das Bestehen bestimmter Modulen des Grundstudiums und des Schwerpunktbereichstudiums verliehen werden, wobei die schriftliche Seminararbeit gleichzeitig als Bachelorarbeit fungieren würde. Einem solchen Modell wird mitunter entgegengehalten, der Bachelorabschluss stelle eine Scheinqualifikation dar, die im Beruf schnell Grenzen setzen könnte.

Dem Staatsexamen soll durch die Einführung dieses integrierten Abschlusses jedoch nicht sein Stellenwert abgesprochen werden, gleichwohl gibt es juristische Berufe, für die man es nicht benötigt. Hier könnte ein Bachelor eine sinnvolle Ergänzung sein, um eine alternative Berufslaufbahn oder auch einen außerfachlichen Masterabschluss zu ermöglichen, ohne auf das Abitur zurückzufallen. Mittlerweile ist eine Etablierung des integrierten Bachelors bereits in verschiedenen Bundesländern im Gespräch, Universitäten wie Frankfurt/Oder, die Bucerius Law School Hamburg, Potsdam oder die Freie Universität Berlin haben ihn bereits eingeführt, an anderen Fakultäten wie der HU Berlin oder Bochum besteht ein entsprechender Wille.

Eine besondere Ausgestaltung bildet zudem die Universität Mannheim, die von Anfang an wirtschaftswissenschaftliche und juristische Kenntnisse verknüpft. Diese durchweg zu begrüßende Entwicklung wird allerdings durch die Debatte um das Schwerpunktbereichstudium und die im Raum stehende Option, dessen Bedeutung und Wertigkeit im Studienverlauf zu verringern, gefährdet. Sollte der Umfang des Schwerpunktbereichstudiums wie von der Justizministerkonferenz geplant reduziert werden, so hätte dies zur Folge, dass das Schwerpunktbereichsstudium nicht mehr geeignet wäre, um um unproblematisch in das Konzept des integrierten Bachelors eingegliedert zu werden. Neben der Bedeutung des Schwerpunktbereichstudiums für die Wissenschaftlichkeit des Studiums, die Profilbildung der Universitäten und auch für die Motivation der Studierenden ist dies ein wichtiger Grund für den BRF, auch in Zukunft weiter für den Erhalt und die Bedeutung des Schwerpunktbereichs in seiner aktuellen Form zu kämpfen.

FAZIT

Der Wille zur Veränderung, um den psychischen Druck und die Belastung von Jurastudierenden während des Studiums zu verringern, ist grundsätzlich vorhanden. So wurde auf verschiedenen Veranstaltungen zu Strukturreformen auch von politischer Seite immer wieder das Ziel formuliert, durch die Reformen auch den auf den Studierenden lastenden Druck zu reduzieren. Gleichzeitig versucht der BRF über die Fachschaften die bestehenden Angebote der Universitäten zu ergänzen. Ein Arbeitskreis des Verbandes befasst sich zur Zeit mit psychischem Druck im Jurastudium und wirft besonderem Blick auf die Folgen dauerhaften Stresses für das Studium und die Studieninhalte.

Durch einen Infoflyer und Leitfaden zu den Themen Stress- und Lernmanagement und ein Grundkonzept zur Etablierung von Workshops soll eine Grundlage geschaffen werden, mit der die Fachschaften lokal die Studierenden unterstützen können. Das Konzept von mediCO kann hierbei Impulse setzen. Über diese Wege ist zwar eine Bewegung hin zu einer besseren Stressbewältigung und einer Stressreduktion zu erkennen.

Gleichwohl ist bei der psychologischen Betreuung noch viel Verbesserungspotential vorhanden und einige Anstrengung im Umgang mit psychischer Belastung gerade bei Jurastudierenden notwendig. Um an den Ursachen der Stressentstehung anzuknüpfen, ist insbesondere auf die flächendeckende Einführung eines in das Studium integrierten Bachelor of Laws hin zu arbeiten.

Gleichzeitig muss auf der Ebene der Reduktion bereits vorhandenen Stresses deutlich werden, dass Angebote zu Beratung und Unterstützung weder ein Zeichen von Schwäche sind noch die Betroffenen zu schlechteren Studierenden machen. Ein richtiger Umgang mit der eigenen Psyche ist vielmehr nicht nur für die langfristige Gesundheit, sondern auch für einen späteren beruflichen Erfolg unabdingbar.

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