Teilnahme am Willem C. Vis Moot – Erfahrungsbericht

Hast Du Lust, aus dem doch recht eindimensionalen Studienalltag für ein Semester auszubrechen und erste Praxiserfahrungen als Rechtsanwält:in zu sammeln? Dann ist der „Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot“ (kurz: „Vis Moot“) vielleicht genau das richtige für Dich. Ich habe in der Saison 2019/2020 für das Team der HHU Düsseldorf am Vis Moot teilgenommen und möchte Dir hier von meinen Erfahrungen berichten.

Was ist ein Moot Court?

Ein Moot Court ist ein studentischer Wettbewerb, in dem ein Streitbeilegungsverfahren simuliert wird. Dort schlüpfen die Studierenden in die Rolle von Anwält:innen und spielen einen realen oder fiktiven Fall nach. Ein Moot Court besteht im Regelfall aus einer schriftlichen und einer mündlichen Phase. In der schriftlichen Phase werden im Team Schriftsätze sowohl für die Kläger- als auch die Beklagtenseite geschrieben. In der mündlichen Phase wird dann vor echten Richtern gegen andere Teams argumentiert. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von nationalen und internationalen Moot Courts. Die meisten deutschen Universitäten nehmen so- gar an mehreren Moot Courts teil. Im Folgenden werde ich jedoch nur – auch exemplarisch für andere Moot Courts – näher auf den Vis Moot eingehen.

Der Willem C. Vis Moot

Der Willem C. Vis Moot ist der größte zivilrechtliche Moot Court der Welt mit Finals in Hongkong und Wien. Im letzten Jahr nahmen dort 385 Teams aus 80 Ländern teil (https://www.vismoot.org). Inhaltlich geht es um Fragestellungen des UN-Kaufrechts und des Schiedsverfahrensrechts. Der Vis Moot ist nämlich kein simulier- tes Gerichtsverfahren, sondern ein Schiedsverfahren. Die Schiedsrichter in den mündlichen Verhandlungen sind also oft selbst Anwält:innen oder Professor:innen, die auf dem Gebiet der Streitbeilegung, insbesondere des Schiedsverfahrensrechts, tätig sind. Der Vis Moot ist außerdem komplett in englischer Sprache, wodurch man zwangsläufig sein „Legal English“ verbessert.

Die schriftliche Phase des Wettbewerbs

Die schriftliche Phase beginnt Anfang Oktober und endet im Januar. In dieser Zeit müssen die Teams einen Kläger- und einen Beklagtenschriftsatz verfassen. Bei der Erstellung der Schriftsätze wurden die großen Problemfelder (sogenannte „Issues“) unter den Teammitgliedern aufgeteilt. Der Fall bestand aus vier Issues, wovon zwei den prozessualen und zwei den materiellen Teil betrafen. In der Schriftsatzphase werden die Teams permanent von ihren Coaches begleitet und unterstützt. So mussten wir zu jedem Wochenende ein „fertiges“ Produkt abgeben, das dann von den Coaches und anderen Korrektoren (zum Beispiel Professor:innen, Anwält:innen, Alumni) durchgelesen und mit Feedback versehen wurde.

Die Besonderheit beim Beklagtenschriftsatz besteht darin, dass man auf den Klägerschriftsatz einer anderen Universität antworten muss. Nimmt das Team an den Wettbewerben in Hongkong und Wien teil, müssen sogar zwei Repliken geschrieben werden.

Ein Moot Court ist ein studentischer Wettbewerb, in dem ein Streitbeilegungsverfahren simuliert wird.

Die mündliche Phase des Wettbewerbs

Die mündliche Phase war das Highlight des Moot Courts. Nach vier anstrengenden Monaten im Büro ging es nun endlich raus in die Kanzleien der Stadt. Denn nun standen die mündlichen Vorträge („Pleadings“) an. In den 60 Minuten dauernden Pleadings geht es darum, den Klienten vor einem Tribunal aus drei Schiedsrichtern zu vertreten. Beteiligt sind immer vier Studierende, zwei pro Seite. Einer/eine von ihnen übernimmt den prozessualen und der/die andere den materiellrechtlichen Teil. Jeder sog. „Speaker“ hat 15 Minuten Zeit für den Vortrag, wobei dieser häufig durch kritische Fragen der Schiedsrichter unterbrochen wird. Die Kunst besteht darin, möglichst kurz und bündig eine überzeugende Antwort auf die Fragen der Schiedsrichter zu finden und die wichtigsten Argumente auch bei vielen Nachfragen in der knappen Zeit anzubringen.

Besonders herausfordernd ist, auf das Pleading des Gegenübers zu antworten. Hier gilt es nämlich nicht nur seine eigenen Argumente vorzutragen, sondern bestenfalls auch die Argumente der Gegenseite zu entkräften. Hierbei sollte man idealerweise der argumentativen Struktur des Gegners folgen – eine echte Herausforderung, die einiger Übung bedarf. Letztlich machen aber genau diese Pleadings am meisten Spaß. Denn jedes Pleading ist anders und beim Improvisieren wächst man im eigenen Vortrag oft über sich hinaus.

Das beste an der mündlichen Phase ist das Reisen: Während wir unter der Woche bei diversen Kanzleipleadings in Düsseldorf, Köln und Frankfurt waren, ging es an den Wochenenden nach New York, Bukarest und München. Ohne die Pandemie wären wir anschließend zu den Finalwettbewerben in Hongkong und Wien gereist. Der Vorteil am Vis Moot ist, dass es anders als bei vielen anderen Moot Courts keine (nationalen) Vorrunden gibt, sodass alle teilnehmenden Teams zur Finalrunde nach Wien und/oder Hongkong fahren.

Was sind Pre-Moots?

Vor dem eigentlichen Wettbewerb finden jedoch zunächst einige Vorbereitungsturniere (sog. „Pre-Moots“) in den oben genannten Städten statt. Ein weiterer sehr zu empfehlender Pre-Moot wird zudem jährlich in Düsseldorf ausgetragen. Bei den Pre-Moots hat man die Möglichkeit, sich das erste Mal mit mehreren Teams zu messen und von den erfahrenen Schiedsrichtern wertvolles Feedback zu erhalten. Das wichtigste ist aber: Man lernt viele Studierende – auch ausländischer Universitäten – kennen. Während tagsüber die Pleadings stattfinden, gibt es abends oft ausgelassene Partys. Am Morgen danach überzeugend pleaden zu können, gehört auch zu den vielen Fähigkeiten, die man sich während des Moot Courts aneignen kann.

Der finale Wettbewerb „in“ Hongkong und Wien fand aufgrund der Pandemie leider rein virtuell statt. Auf die legendären Partys im „Aux Gazelle“ mussten wir also verzichten. Aus der eigenen Wohnung heraus zu pleaden, machte die Finalrunden jedoch nicht weniger anspruchsvoll. Die vier Pleadings gegen Teams von drei Kontinenten vor oftmals brillanten Schiedsrichtern haben mir unglaublich viel Freude bereitet und waren trotz aller Umstände ein schöner Abschluss für diese lange Reise.

Der Vis Moot hat mich akademisch und persönlich sehr bereichert.

Vis Moot – Fazit

Der Vis Moot hat mich akademisch und persönlich sehr bereichert. In der mündlichen Phase habe ich gelernt, wie ich auf hohem Niveau und in für jedermann verständlicher Sprache argumentieren kann. Ich konnte zudem mein „Legal English“ verbessern und mir wichtige Kenntnisse im Schiedsverfahrensrecht aneignen.

Natürlich bin ich in dieser Zeit auch sehr mit meinem Team zusammengewachsen. In der mündlichen Phase habe ich gelernt, meinen Vortrag zu strukturieren und mich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen, sei es durch den Vortrag der Gegenseite oder durch Rückfragen der Schiedsrichter. Die größte Herausforderung be- stand darin, dass jedes Pleading anders ablief. Das erforderte ein gewisses Maß an Improvisation und war für mich der größte Reiz. Gefördert wurde man in alledem von den engagierten Schiedsrichtern, die aufgrund ihrer Alltagserfahrung und Fachkompetenz sehr wertvolles Feedback geben konnten.

Wenn ich an mein Vis Moot Semester zurückdenke, denke ich aber vor allem an die unglaublich interessan- ten und offenen Menschen, denen ich im Laufe des Wettbewerbs begegnet bin. Jedes Wochenende sah man bekannte und neue Gesichter in einer anderen Stadt. Man lernte sich kennen, tauschte sich aus und feierte gemeinsam. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen!


Dieser Artikel erschien zuerst im mylawguide 2021, dem Karrierehandbuch für Juristinnen und Juristen.

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