Jura – Hochschulwechsel nach der Zwischenprüfung – Erfahrungsbericht

Die Zeit des Studiums ist nicht nur beruflich ein prägender Lebensabschnitt. Besondere Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung bieten sich solchen Studierenden, die innerhalb desselben Studiengangs an eine andere Hochschule wechseln und in eine andere Stadt ziehen. Dieser Schritt muss allerdings zur eigenen Persönlichkeit passen. Unser Autor ist nach der Zwischenprüfung von der Goethe-Universität Frankfurt am Main an die Universität Leipzig gewechselt und berichtet von seinen Erfahrungen.

Altes Studium, neues Leben – der Hochschulwechsel während des Jurastudiums

Unterhält man sich mit Studierenden über prägende Erfahrungen während des Studiums, so handelt das Gespräch oft vom „Erasmus+“-Programm der Europäischen Union. Aus gutem Grund. Das Programm ermöglicht es Studierenden, einen Teil ihrer akademischen Laufbahn an Universitäten oder auf Praktikumsstellen im europäischen Ausland zu absolvieren. Hierbei erhalten sie die Möglichkeit, neue Länder, Hochschulen und Menschen kennenzulernen.

Einer Studie aus dem Jahr 2014 zufolge verbessert das Programm die Karriereaussichten. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit signifikant erhöht, dass die Liebesbeziehungen der Teilnehmer:innen international geprägt sind. Die Europäische Kommission schätzt, dass von 1987 bis 2014 aus solchen Beziehungen rund 1.000.000 „Erasmus-Babys“ hervorgegangen sind (1). Doch nicht nur durch das Erasmus-Programm, sondern auch durch einen Universitätswechsel und einen Umzug innerhalb Deutschlands lassen sich während des Jurastudiums neue Wege beschreiten.

Nicht wenige Studierende wechseln die Universität: 7,5 Prozent aller Studienanfänger:innen der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften etwa, die im Wintersemester 2017 / 2018 ihr erstes Hochschulsemester antraten, zog es bis zum fünften Semester an eine neue Hochschule (2). Der vorliegende Bericht schildert die Erfahrungen, die eine:n in diesem Prozess erwarten können. Checklisten und zahlreiche praktische Tipps zur Planung eines Hochschulwechsels haben wir hier für euch zusammengefasst: Uni wechseln während des Jurastudiums – Tipps & To-Do-Liste. (3).

Der Entschluss zum Hochschulwechsel

Meine Entscheidung zum Wechsel an eine neue Uni und in eine neue Stadt fiel in mein zweites Studienjahr. Nach meiner Schulzeit und einem Freiwilligen Sozialen Jahr hatte ich mich noch nicht bereit gefühlt, meine Familie samt Hund, meinen Freundeskreis, die altbekannte Umgebung hinter mir zu lassen. Und ein Studium an der renommierten und gut gelegenen Uni Frankfurt bot sich an. Die Mieten im Rhein-Main-Gebiet sind hoch, eine Wohnung schwierig zu ergattern, die Beziehung zu meinem Elternhaus gut. So blieb ich in den ersten zwei Studienjahren zuhause wohnen.

Bald entwickelte ich jedoch das Bedürfnis, einen Schritt weiterzugehen. Ich wollte eine neue Stadt erleben und neue Menschen kennenlernen. Gleichzeitig zog es mich nicht zu einem Erasmus-Austausch. Mein Erfahrungsgewinn sollte in einer vergleichsweise vertrauten Umgebung stattfinden. Ich wollte Kulturveranstaltungen besuchen können, ohne beispielsweise der lettischen Sprache mächtig sein zu müssen. Und ich wollte mir die Möglichkeit offenhalten, spontan die alte Heimat zu besuchen. Hierfür bot sich der Wohnort Sachsen an – der ICE von Leipzig nach Frankfurt fährt nur knappe drei Stunden. Nicht zuletzt blieb nach einem Wechsel innerhalb Deutschlands der Studienstoff, mit Ausnahme des Verwaltungsrechts, weitgehend derselbe.

All das hat mir ein unschätzbar wertvolles Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch der Abwechslung und Neuerung vermittelt.

Startschwierigkeiten sind normal

Entschließt man sich dazu, den Wohnort und die Hochschule zu wechseln, dann sollte man sich von einigen Startschwierigkeiten nicht abschrecken lassen. Denn schon die Raumeinteilung kann in einem unbekannten Hörsaalgebäude zum Problem werden, wie ich gleich in meiner ersten Veranstaltung an der neuen Uni erfahren musste. Voller Ungewissheit, was die nächsten Wochen bringen würden, hatte ich am ersten Tag des Semesters einen kleinen Seminarraum betreten und mich auf den letzten freien Platz in der ersten Reihe gesetzt.

Dass ich im falschen Raum saß, wurde mir erst bewusst, als die Veranstaltung mit einer Begrüßung auf Russisch eröffnet wurde. Und so musste ich mich an meinen Sitznachbar:innen vorbeizwängen und mich unter den Blicken aller Anwesenden wieder aus dem Staub machen. Unvergessen bleibt auch der Kulturschock, einige Stunden darauf in der Mensa meine Falafelbällchen mit Gemüse und Schokoladensauce (!) serviert zu bekommen.

Der Uniwechsel bringt Veränderungen im Studienablauf

Auch in der Studienorganisation können eine:n diverse Umstellungen erwarten. Dies kann etwa für die „Großen Scheine“ gelten, die die Jurastudierenden nach der Zwischenprüfung absolvieren müssen. So werden in Frankfurt die entsprechenden Klausuren nur am Semesterende geschrieben. In Leipzig dagegen wurden uns insgesamt drei Klausurtermine in der Vorlesungszeit eines einzigen Semesters angeboten. Diese Termine konnten alle wahrgenommen werden, bestanden werden musste jedoch nur einer. 

Daher sollte man sich die eigenen, ganz persönlichen Werte und Lebensziele klar machen, bevor man eine solche Entscheidung trifft.

Dieses Vorgehen wirkt zunächst attraktiv: In der Regel wurde nicht der Stoff des gesamten, sondern nur eines Drittels des Semesters abgefragt. Wie viele Studierende nahm ich das zum Anlass, auch nur den Stoff der letzten Wochen zu lernen und bald darauf wieder zu vergessen. Entsprechend beneidet wurde ich im Gespräch mit meinen ehemaligen Frankfurter Kommiliton:innen, in deren Klausuren der Lernstoff eines ganzen Semesters abgefragt wurde. Eine derartige Lernweise rächt sich jedoch spätestens in der Examensvorbereitung. Beispielsweise wäre mir das Verständnis der „forderungsentkleideten Hypothek“ im Repetitorium wesentlich leichter gefallen, hätte ich diese schon während des Zivilrechtsscheins im Langzeitgedächtnis verankert.

Mit dem Umzug beginnt ein neuer Lebensabschnitt

Nicht nur beim Erwerb der großen Scheine eröffnet sich eine gänzlich neue Welt. Man lernt einen neuen Campus kennen, eine neue Unibibliothek, neue Kommiliton:innen und Dozent:innen. Man verbringt die Abende im Freundeskreis an anderen Orten, lernt statt dem Frankfurter Mainufer die Leipziger Sachsenbrücke schätzen. Man findet einen neuen Lieblingsladen zum Falafel essen, und erkundet, je nach Pandemielage, neue Orte für Kulturveranstaltungen.

Die Architektur der Straßen und Gebäude, die Gerüche, die man unterschwellig wahrnimmt, der gesamte Alltag wird umgekrempelt. Auf diese Art und Weise tritt man unweigerlich in einen neuen Lebensabschnitt ein. All das hat mir ein unschätzbar wertvolles Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch der Abwechslung und Neuerung vermittelt.

Die Entscheidung zum Uniwechsel hängt von den individuellen Werten und Zielen ab

Wer mit derartigen Gedanken spielt, der:die muss nicht nur die Finanzierbarkeit der Umzugspläne bedenken – die Mieten beispielsweise können sich von Region zu Region signifikant unterscheiden. Auch angesichts etwaiger pandemiebedingter Einschränkungen muss überlegt werden, ob und wann sich Wohnort- und Hochschulwechsel denn lohnen.

Nicht zuletzt spielt sich die Wahrnehmung eines Gefühls von Freiheit und Neuanfang auf rein subjektiver Ebene ab. Daher sollte man sich die eigenen, ganz persönlichen Werte und Lebensziele klar machen, bevor man eine solche Entscheidung trifft. Niemand muss etwa die Heimatstadt oder das Elternhaus verlassen, um sich fortzuentwickeln. Denn ob ein Hochschulwechsel der Persönlichkeitsentwicklung förderlich ist, hängt davon ab, in welche Richtung sich die Persönlichkeit entwickeln soll.

Steht für mich das Abenteuer, der Wissensdurst an oberster Stelle? Dann sollte ich über einen Erasmus-Austausch nachdenken. Hat für mich die gewohnte Heimat, vielleicht der bestehende Freundes- und Familienkreis eine hervorragende Bedeutung? Dann spricht überhaupt nichts dagegen, sein Studium ohne Auslandsaufenthalt oder einen Umzug nach Sachsen, Bayern oder Berlin zu absolvieren. Möchte ich aber diese beiden Bedürfnisse verbinden? Dann könnte ein nationaler Hochschulwechsel genau das Richtige für mich sein. So wird der Wechsel zu einer prägenden Erfahrung, die im Rahmen des altbekannten Studiums in einen neuen Lebensabschnitt führt.

Dieser Artikel erschien zuerst im mylawguide 2021, dem Karrierehandbuch für Juristinnen und Juristen.

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