Jurastudium: Wahlstation in Guatemala — Erfahrungsbericht

Für mich stand bereits vor Antritt meines Referendariats fest, dass ich meine Wahlstation – die einzige Station, die man in Bayern im Ausland verbringen kann – im Ausland verbringen wollte. Dass es Guatemala werden würden, war mir da noch nicht klar. Wer plant, für die Wahlstation ins Ausland zu gehen, sollte sich frühzeitig dafür entscheiden, denn es ist Einiges zu organisieren. Belohnt wird die Mühe durch spannende berufliche und private Erfahrungen. Und nicht selten eröffnen sich neue Horizonte.

Wahlstation: die einzige Station, die man in Bayern im Ausland verbringen kann

Für mich stand bereits vor Antritt meines Referendariats fest, dass ich meine Wahlstation – die einzige Station, die man in Bayern im Ausland verbringen kann – im Ausland verbringen wollte. Da ich bereits ein Auslandssemester in Spanien und ein Praktikum in Chile absolviert hatte, kam für mich neben dem englischsprachigen auch das spanischsprachige Ausland in Frage. So suchte ich bereits am Anfang meines Referendariats gezielt nach Kontakten und informierte mich über die verschiedenen Möglichkeiten, ins Ausland zu kommen. Allerdings gestaltete sich die Suche dann doch etwas schwieriger als gedacht.

Die Anreise gestaltete sich weniger kompliziert als ich dies in einem mittelamerikanischen Land vielleicht erwartet hätte.

Über den Referendarverein meines Oberlandesgerichtsbezirks (OLG-Bezirk) bekam ich zunächst Kontakt zur deutsch-argentinischen Handelskammer, die mir auch sehr schnell, mehr als ein Jahr vor Antritt der Wahlstation eine Zusage geben konnte. Allerdings mussten sie mir ein halbes Jahr später wieder absagen, da sie mir keine/n Jurist:in als Ausbilder:in zusichern konnten, was zwingend notwendig ist. Schließlich ist die Wahlstation Teil des juristischen Ausbildungsdienstes, auch wenn man zu diesem Zeitpunkt bereits den schwersten Teil der Ausbildung – die schriftlichen Prüfungen – absolviert hat.

Aus diesem Grund musste ich mir in kürzester Zeit einen anderen Ausbildungsplatz suchen. Ich schrieb kurzerhand einzelne Außenhandelskammern in Mittelamerika an und bekam postwendend eine Antwort der deutsch-guatemaltekischen Außenhandelskammer (Handelskammer), welche mich gerne als Referendarin nehmen wollte. Nach einem kurzen Skype-Gespräch und dem Austausch der nötigen Formalien, die insbesondere vom OLG gefordert wurden, stand meinem Aufenthalt nichts mehr im Wege.

Reiseorganisation: Wohnung, Visum, Sicherheit

Die Anreise gestaltete sich weniger kompliziert als ich dies in einem mittelamerikanischen Land vielleicht erwartet hätte. Ich musste die nötigen Impfungen auffrischen, einen Flug buchen und eine Wohnung organisieren, letztere bekam ich über einen Kontakt in der Handelskammer. Ein Visum beantragte ich nicht, da ich letztendlich über das allgemeine Touristenvisum einreiste, das mir den Aufenthalt für die üblichen 90 Tage ermöglichte. 

Keine Woche nach der letzten schriftlichen Prüfung des zweiten Staatsexamens saß ich also im Flieger und erreichte – mit Zwischenstopp in Atlanta, USA – den kleinen Flughafen von Guatemala City. Ich hatte bereits im Voraus mit meinem Vermieter vereinbart, dass er mich vom Flughafen abholen würde, da Taxifahren in Guatemala City insbesondere für offensichtlich ausländisch-aussehende Menschen nicht empfohlen wurde. Dies bringt mich auch gleich zu den allgemeinen Vorsichtsmaßnahmen, die man in ganz Süd- und Mittelamerika im Allgemeinen und in Guatemala im Besonderen beachten sollte.

Ausländer:innen sollten öffentliche Taxis möglichst meiden, da das Risiko ausgeraubt zu werden und zudem nie an seinem Ziel anzukommen, hoch ist. Eine gute und preisgünstige Alternative ist immer die „Uber-App“, welche mit circa 2 bis 4 Euro für eine normale Stecke im Stadtgebiet Guatemala Citys deutlich günstiger als in Deutschland ist. Für touristische Reisen bieten sich die Shuttleservices/ Minibusreisen oder die Reisebusse an, welche auch entsprechend sicher sind. Öffentliche Verkehrsmittel innerhalb von Guatemala City sollte man nicht nutzen, insbesondere die „Roten Bus“-Linien sind nicht zu empfehlen, weil sie von den berühmt berüchtigten „Mara“-Jugendbanden kontrolliert werden. Auch bestimmte Stadtviertel sollten Ausländer:innen nicht betreten.

Arbeiten und Freizeit in Guatemala

So dramatisch diese Vorsichtsmaßnahmen jetzt auch klingen, war ich doch überrascht, wie sicher ich mich in dem Land bewegen konnte, ohne auch nur in eine brenzlige Situation zu kommen. Insgesamt sind die Guatemaltek:innen sehr aufgeschlossen und freundlich. Das Land ist reich an schönen, sehr facettenreichen Landschaften und Sehenswürdigkeiten, so gibt es zum Beispiel verborgene Maya-Tempel im Urwald, wunderschöne schwarze Sandstrände am Pazifik oder schwül-warmes Klima an der Karibikküste, alte Kolonialstädte wie Antigua oder riesige Folklore-Märkte, wo man Stoffe in allen möglichen Farben und Formen finden kann. Antigua, die alte Hauptstadt, liegt nur etwa eine Stunde von Guatemala-City entfernt und ist mit ihren zahlreichen Tourismus-, und Eventagenturen, Hotels und Restaurants der eigentliche Anziehungspunkt für Touristen. Auch kann man mit Shuttleservices oder Bussen in die Nachbarländer Honduras, Belize oder El Salvador fahren oder mit einem günstigen Flieger in die Tourismushochburg Cancún in Mexiko fliegen.

Keine Woche nach der letzten schriftlichen Prüfung des zweiten Staatsexamens saß ich also im Flieger.

Guatemala-City selbst ist die typische – eher unspektakuläre – Großstadt mit vielen Malls und Parks und einem unglaublich chaotischen Verkehr. Sie hat einen sehenswerten Zoo und ein interessantes, wenn auch nicht ganz sicheres Stadtzentrum. Die Stadt liegt im Hochland und ist von tiefen Gräben durchzogen, was die Stadtplanung und Straßenführung manchmal etwas unlogisch erscheinen lässt. Fortbewegungsmittel Nummer 1 ist das Auto, allerdings kann man sich auch innerhalb der sicheren Stadtviertel gut zu Fuß bewegen. Ich bin zum Beispiel jeden Morgen zu Fuß 15 Minuten zur Arbeit gegangen.

Der Job: Arbeiten in der Handelskammer

Aufgrund der Zeitverschiebung von acht Stunden nach Deutschland, begann der Arbeitstag in der Handelskammer bereits um 7:00 bis 7:30 Uhr, endete dafür bereits um 16:30 Uhr. Die Arbeit in der Handelskammer erwies sich als unglaublich facettenreich, wenn auch nicht als unbedingt sehr juristisch. Da wir zu dieser Zeit an einem allgemeinen Wirtschaftsmagazin für deutsche Investor:innen arbeiteten, verbrachte ich viel Zeit mit Recherchen zur guatemaltekischen Wirtschaft und mit Übersetzungen von Texten aller Art. Zudem organisierten wir Events für die Mitglieder der Handelskammer, wie eine Deutsche Woche in einer Mall oder Vorträge über wirtschaftliche Themen.

Die Arbeit in der Handelskammer erwies sich als unglaublich facettenreich.

Dadurch, dass die Handelskammer sehr klein war, wurde man überall involviert und bekam unglaublich viel mit, insbesondere was die Wirtschaft, aber auch die Kultur und Lebensweise der Guatemaltek:innen betraf. Über die Events kam man mit vielen deutschen Auswanderern ins Gespräch und bekam damit einen Eindruck, wie diese als Einwanderer in Guatemala leben. Durch die Arbeit in der Handelskammer nahm ich zum ersten Mal wahr, wie schwierig es für Entwicklungsländer ist, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen und den Stempel der vermeintlichen „Bananenrepublik“ abzuschütteln. Auch wurde mir die extreme Ungleichheit unter den Menschen bewusst. In Guatemala gelten mehr als 70 Prozent der Bevölkerung als arm oder extrem arm.

Insgesamt haben mich diese Eindrücke nachhaltig geprägt und mich viel zum Nachdenken gebracht. Allein solche Erfahrungen machen einen Auslandsaufenthalt unvergesslich und spannend, weswegen ich jedem ans Herz legen kann, wann und wohin auch immer ins Ausland zu gehen.

Dieser Artikel erschien zuerst im mylawguide 2021, dem Karrierehandbuch für Juristinnen und Juristen.

Wahlstation in Guatemala – Kurz & knackig

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