Diversity in deutschen Unternehmen — Die Statistik zeigt, es gibt Nachholbedarf

Frauenquoten, Offenheit für LGBTQ, Ausländer:innen im Team – wie divers sind die Unternehmen in Deutschland wirklich? Eine Analyse der Vielfalt unserer Arbeitgeber.

Diversität – was ist das eigentlich und wo liegen ihre Vorteile? 

Diversität bedeutet Vielfalt. Wird sie in einem Unternehmen gefördert, bedeutet das, dass der Arbeitgeber versucht, unabhängig von Faktoren wie Herkunft, Alter, körperlicher Beeinträchtigungen, sexueller Orientierung oder Geschlechterrollen eine Chancengleichheit unter seinen Mitarbeiter:innen zu schaffen. Das Credo: Niemand sollte aufgrund solcher Faktoren benachteiligt werden. Das Ziel: Gerechtigkeit, aber auch Wachstum dadurch, dass die verschiedenen Persönlichkeiten eines solchen Teams voneinander lernen und einander ergänzen können.

Diversity-Themen in deutschen Unternehmen: Was klappt, was muss besser werden

In vielen Unternehmen ist diese Art der Diversität aber noch immer Zukunftsmusik oder zumindest ausbaufähig. Schon in unserem Schnell-Überblick wird deutlich, dass eines der großen Probleme in Sachen Diversity zum Beispiel die Einbindung von Mitarbeiter:innen mit Behinderung in den Betrieben ist. Laut einer IG-Metall-Umfrage integriert nicht mal jedes zweite Unternehmen (47 %) Schwerbehinderte in den Betrieb (1).

Diversity in Unternehmen: Ziel ist Gerechtigkeit, aber auch Wachstum dadurch, dass die verschiedenen Persönlichkeiten eines solchen Teams voneinander lernen und einander ergänzen können.

Nur wenig besser sieht es aus, wenn die Frage nach einem offenen Umgang mit LGBTQ-Themen zur Sprache kommt: 26 Prozent der LSBTIQ-Befragten gaben 2024 an, aus Angst vor Gewalt oder Belästigung, am Arbeitsplatz nicht offen über ihre sexuelle Identität zu sprechen. (2)

Deutlich besser kommen in einer Umfrage der Page Group die Themen Geschlechterverhältnis und kulturelle Vielfalt im Unternehmen weg. 78 Prozent der Befragten gaben an, dass das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in ihrer Firma ausgeglichen sei. Ganze 90 Prozent betonten, dass es bei ihnen im Betrieb Mitarbeiter mit vielfältigen kulturellen Hintergründen gebe (3).

Unternehmensberatung McKinsey gibt in ihrer Untersuchung „Erfolgsfaktor kulturelle Diversität und faire Teilhabe“ an, Diversität sei vermehrt in deutschen Unternehmen angekommen. 6 von 10 Unternehmen der deutschen Wirtschaft haben demnach bereits Maßnahmen für Inklusion und Teilhabe kulturell diverser Talente ergriffen. Laut der Umfrage herrscht bei diesen Vorreitern übrigens eine höhere Zufriedenheit unter den Mitarbeitenden als bei den weniger inklusiven Firmen (4).  

Menschen mit Behinderung: Hier muss mehr passieren

Die Erwerbsquote von Schwerbehinderten beträgt rund 51 Prozent, knapp 30 Prozentpunkte weniger als bei der Gesamtbevölkerung. Rund 175.000 schwerbehinderte Menschen waren 2023 arbeitslos gemeldet (5).

Um diesen Menschen eine Perspektive zu geben und sie besser in unsere Arbeitswelt einzubinden, muss vor allem auf Arbeitgeberseite ein Umdenken stattfinden.

Fast 175.000 schwerbehinderte Menschen in Deutschland sind arbeitslos.

Zur Erklärung: Arbeitgeber, die mindestens 20 Arbeitsplätze anbieten, müssen wenigstens 5 Prozent dieser Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen besetzen. Ist diese vorgeschriebene Zahl nicht erreicht, muss eine Ausgleichsabgabe gezahlt werden. Das ist in der Arbeitswelt immer noch gängige Praxis, denn nur 47 Prozent der Firmen besetzen wirklich alle ihnen zugeschriebenen Pflichtarbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung. Das heißt: Jeder zweite Betrieb drückt sich vor der gesetzlichen Quote!

Menschen mit Behinderung haben im Beruf immer schlechtere Perspektiven, schreibt die IG Metall, in 83 Prozent der Betriebe wächst ihre Unsicherheit. Als Hauptursachen werden Stellenabbau und Umstrukturierungen genannt. 44 Prozent berichten, dass gezielt Arbeitsplätze behinderter Beschäftigter wegfallen. Knapp ein Viertel (23 Prozent) kritisiert zudem grundsätzlich eine mangelnde Integration in den Betrieb (1).

In der Umfrage wird deutlich, dass diese Problematik zumindest in Arbeitnehmerkreisen auch sehr präsent ist: Rund 50 Prozent der Befragten sagten, dass es in den deutschen Unternehmen Nachholbedarf in Sachen Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderung gibt.

Grafik: Wie divers sind deutsche Unternehmen? Multikulti, LGBTQ, Geschlechterverhältnis, Behinderungen
Grafik: Wie divers sind deutsche Unternehmen? Multikulti, LGBTQ, Geschlechterverhältnis, Behinderungen

Altersdiskriminierung: wenig Chancen zur beruflichen Weiterentwicklung für Ältere

39 Prozent der Ü-45-Jährigen berichten von Altersdiskriminierung im Zusammenhang mit Erwerbstätigkeit (6). Dass das Alter eine Rolle spielt, zeigen auch Daten von Stepstone. Jede:r zweite Recruiter:in hält demnach Bewerber:innen ab 55 Jahren für zu alt. Ein Viertel der befragten Bewerber:innen über 50 berichten sogar, dass sie wegen ihres Alters abgelehnt wurden (7).

Es ist paradox, Jüngeren wird oft zu wenig Arbeitserfahrung vorgeworfen, die sie ja doch nur durch eine Beschäftigung erreichen können, wohingegen die Älteren über viel Erfahrung verfügen, aber laut gängiger Klischees zu teuer (weil erfahren) und zu wenig technikaffin sind, hier punkten natürlich die Jüngeren. So macht es keine der beiden Altersgruppen richtig, scheint es.

Dabei sind diverse Teams erfolgreicher, das gilt auch für eine altersdiverse Mannschaft.

// Mit Handicap in den öffentlichen Dienst: Beitrag aus dem Juracon Jahrbuch 2020

// Erfolgreich anwaltlich arbeiten – auch mit körperlichen Handicaps: Beitrag aus dem Juracon Jahrbuch 2020

// Exzellent mit Beeinträchtigung – auch im Arbeitsrecht: Beitrag aus dem Juracon Jahrbuch 2020

Nachholbedarf in Sachen Diversity: Alter, Frauen in Führungspositionen, Karrierechancen

Welche Bedeutung hat Sprache für die Diversität eines Unternehmens?

Ein ganz wesentlicher Punkt für gute Zusammenarbeit in einem Unternehmen ist die Kommunikation: Man muss sich verständlich machen können, das Gegenüber verstehen, sich aber auch auf Augenhöhe begegnen, um erfolgreich miteinander zu kommunizieren.

Ein Faktor, der in unserem Miteinander immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist zum Beispiel die gendergerechte Sprache: Und da liegt in vielen Unternehmen ein Defizit. Die F.A.Z. hat 2021 in einer Umfrage Dax-Unternehmen in Deutschland dazu befragt, ob sie gendergerechte Sprache eingeführt haben oder nicht (8).

Zehn von ihnen hatten das Gendern zu diesem Zeitpunkt bereits eingeführt, sechs planten es. Zwölf Unternehmen verweigerten allerdings die Antwort zu diesem Thema, zwei sagten aus, sie hätten sich dagegen entschieden, geschlechtergerechte Sprache einzuführen. Damit ist das Bewusstsein für dieses Thema zwar im Kommen, wird von zu vielen allerdings immer noch stiefmütterlich angefasst oder ignoriert.

Ausländer:innen im Unternehmen: Stark unterrepräsentiert

Rund jede:r dritte Erwerbstätige in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, über 12 Millionen. Laut dem Mediendienst Integration sei dabei auffällig, dass immer häufiger Menschen mit Migrationshintergrund als Angestellte oder Selbständige tätig sind und immer seltener als Arbeiter (9).

Um die Fachkräftelücke in Deutschland zu verkleinern – von schließen spricht ja realistisch niemand – braucht es eine Zuwanderung qualifizierter Personen aus dem Ausland.

Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse steigt seit Jahren, auch wenn die Gesamtzahl erschreckend niedrig ist. 2024 wurden 79.100 ausländische Abschlüsse ganz oder teilweise anerkannt. Die meisten Anerkennungen gab es im Gesundheitsbereich für Pflegefachkräfte, Ärzt:innen und Apotheker:innen; Berufe im medizinischen Sektor machten 69 Prozent aus. Der zweitgrößte Bereich (Mechatronik, Energie und Elektro) fällt mit 6 Prozent vergleichsweise gering aus (10).

Um diese Quoten zu verbessern, gibt es inzwischen viele ↪ Stipendien für Studierende mit Migrationshintergrund.

Der Zuwachs in sozialversicherungspflichtigen Jobs ist in den vergangenen Jahren zu fast 90 Prozent auf Ausländer zurückzuführen (11). Sie tragen in hohem Maß zu dem fragilen Konstrukt des Sozialstaats mit ihren Beiträgen und ihrer Arbeitskraft bei.

Welche Rolle spielt Rassismus in deutschen Unternehmen?

Um das Problem fehlender Diversity in den Unternehmen zu bekämpfen, ist es deswegen unmöglich, das Thema Rassismus auszublenden. Oft findet er noch nicht einmal böswillig statt, ist jedoch in den Köpfen so tief verankert und angelernt, dass er eine zentrale Rolle in der Arbeitswelt einnimmt.

Fast die Hälfte (!) der Menschen in Deutschland glaubt nach dem repräsentativen Rassismusmonitor 2026, dass „bestimmte ethnische Gruppen/Völker von Natur aus fleißiger sind als andere“. Je ein Viertel findet, dass ethnische und religiöse Minderheiten zu viele Forderungen nach Gleichberechtigung stellen und dass sie in den letzten Jahren wirtschaftlich mehr profitiert haben, als ihnen zusteht (12).

Rassismus bei der Arbeitsplatzsuche ist nicht nur für die Betroffenen ungerecht, sondern auch gesellschaftlich und wirtschaftlich kontraproduktiv. Menschen mit Migrationshintergrund und ausländische Fachkräfte leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum deutschen Arbeitsmarkt, zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Stabilität des Sozialstaats. In Zeiten von Fachkräftemangel sind ihre Kompetenzen, Perspektiven und Erfahrungen wichtiger denn je. Wer ihnen aufgrund von Vorurteilen Chancen verwehrt, schadet letztlich nicht nur Einzelnen, sondern der gesamten Gesellschaft. Eine offene und faire Arbeitswelt nutzt allen – Rassismus hingegen hilft niemandem.

Fazit: Diversity in deutschen Unternehmen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Bewusstsein für Diversität in deutschen Unternehmen in den letzten Jahren verbessert hat, es aber noch viel Luft nach oben gibt. Wie nehmt ihr das Thema wahr? Welche Erfahrungen habt ihr mit Inklusion und Chancengleichheit im beruflichen Umfeld gemacht, die ihr gerne mit anderen teilen würdet? Euren Themenvorschlag fürs Karrieremagazin schickt uns gerne >> hier.

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