Legally Female – das Netzwerk für Nachwuchs-Juristinnen

Interview mit Felicitas Famulla und Ann-Kathrin Ludwig, Gründerinnen von Legally Female

Diversität und Gleichberechtigung sind brandaktuelle und stark diskutierte Themen in unserer Gesellschaft. Die Gründerinnen von Legally Female geben ihre Einschätzung ab: Was ist der Status-Quo und wo besteht Änderungsbedarf? Lest hier, wie das Konzept von Legally Female zur Problemlösung beiträgt.

Herzlich willkommen liebe Felicitas und liebe Ann-Kathrin, freut mich total, dass es mit dem gemeinsamen Interview geklappt hat. Stellt euch doch einfach mal den Leser:innen vor, die euch noch nicht kennen.

Ann-Kathrin: Ich bin Ann-Kathrin Ludwig, Referendarin in Rheinland-Pfalz. Aktuell befinde ich mich in der Anwaltsstation im Bank- und Finanzrecht in einer großen Wirtschaftskanzlei, wo ich bereits seit mehreren Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeite. In meiner Freizeit bin ich sportlich sehr aktiv und und habe nun mit Felicitas Famulla Legally Female gegründet.

Felicitas: Ich bin Felicitas Famulla. Ich bin seit einem halben Jahr Rechtsanwältin. Das Referendariat ist aber noch sehr präsent bei mir, denn ich habe gerade Verbesserungsversuch geschrieben deswegen bin ich gefühlt noch eine halbe Referendarin. Auch ich mache gerne Sport und habe lange in einer Großkanzlei gearbeitet, bin aber aktuell in einer Wirtschaftsboutique. Ich bin außerdem auf Social Media als “@beyourbestlawstudent” – dort gebe ich Tipps zum Jurastudium und Referendariat. Seit fast einem Jahr gehört auch Legally Female dank Ann-Kathrin zu meinem Alltag.

Vielen Dank! Dann gehen einfach direkt zu dem Hauptthema, nämlich der Gründung von Legally Female, weiter. Wie ist Legally Female entstanden? Gab es hierfür einen bestimmten Grund oder Anlass?

Ann-Kathrin: Ja, das fußt tatsächlich auf unseren eigenen Erfahrungen. Wir haben beide früh neben dem Studium vor allem im juristischen Kontext gearbeitet und dabei immer wieder festgestellt, dass die weiblichen Nachwuchs-Juristinnen oft eine gewisse Hemmung an den Tag legen, beispielsweise wenn es darum geht bestimmte Karriereentscheidungen zu treffen oder die eigenen Stärken herauszustellen. – Das war bei uns selbst lange genauso und hat uns sehr gestört. Deshalb wollen wir dies ändern und andere Frauen unterstützen-

Die Idee „Legally Female“ stammt von mir. Ich hatte das Glück selbst sehr positive Erfahrungen mit einer Mentorin gesammelt zu haben, von der ich viel gelernt habe. Als ich Feli kennengelernt und ihr von meiner Idee erzählt habe, war sie direkt dabei und meinte „Wir machen das!“. Das hat sie gesagt, obwohl es sich damals noch um eine ganz grobe Idee ohne eine konkrete Vorstellung von Konzept und Inhalt handelte.

Im Gründungsprozess hat sich immer mehr herauskristallisiert was die konkreten Inhalte, Ziele und Punkte unseres Programms sein sollen. Dabei haben wir anfangs vor allem viel mit Nachwuchs-Juristinnen kommuniziert, um herauszufinden von welchen Inhalten und Themen sie am meisten profitieren können. Diesen Input versuchen wir nun, immer weiter umzusetzen und unser kostenloses Programm und die Inhalte an die Wünsche der Nachwuchsjuristinnen anzupassen.

Felicitas: Wir haben uns dann direkt an die Umsetzung, Legally Female als Instagram- und Domain-Namen gesichert und mittlerweile auch als Wortmarke schützen lassen. Seitdem sind wir recht schnell gewachsen, was wir anfangs total unterschätzt haben. Eigentlich dachten wir, dass wir ein bisschen mehr Zeit haben, zu mwachsen und uns einzufinden. Nach kleinen Anfangsschwierigkeiten klappt jedoch alles super. Niemals hätten wir gedacht, dass Legally Female so großen Anklang findet und sind für die Unterstützung unendlich dankbar.

Was sind die konkreten Ziele von Legally Female und wie sollen diese umgesetzt werden?

Felicitias: Unser primäres Ziel ist die Gleichberechtigung aller Geschlechter. Natürlich sind wir keine Männer-Hasser, aber uns sind Gleichberechtigung und Diversität sehr wichtig. Ein weiteres konkretes Ziel ist, dass wir die Mentees stärken und ihnen Selbstbewusstsein vermitteln.

Ich persönlich wäre früher ein super Versuchskaninchen für Legally Female gewesen. Sowohl im Studium, als auch im Referendariat (und ehrlich gesagt manchmal heute immer noch), habe ich mir kaum etwas zugetraut. Seitdem ich im Beruf stehe, bin ich gewachsen und selbstbewusst geworden. Ich hätte viele Fehler vermeiden können, wenn ich damals Unterstützung erfahren hätte.

Wir wollen zum Erfolg der Mentees beitragen, aber auch ein Safe Space Networking schaffen. Das heißt, dass man sich vernetzt, und nachhaltig Kontakte knüpft. Wir haben beide festgestellt, wie wertvoll gute Kontakte sind – in unseren Augen häufig wichtiger als irgendwelche Noten.

Ann-Kathrin: Wir haben auch festgestellt, dass es viele unterschiedliche Wege gibt, das Studium und Referendariat zu durchlaufen und in den Beruf einzusteigen. Es gibt nicht DEN einen Weg, wie es sich viele vorstellen. Wir würden uns wünschen, dass wir es schaffen mit Legally Female dem Nachwuchs den Mut zu vermitteln, ihren individuellen Weg zu finden und diesen dann zu beschreiten.

Felicitas: Dieses Ziel setzen wir in unserem 1:1 Mentoring um. Jede hat eine persönliche Mentorin als Ansprechpartnerin. Aus der individuellen Mentorin-Mentee-Beziehung halten Ann-Kathrin und ich uns komplett raus. Sollte es jedoch zu Problemen kommen oder eine Mentee oder Mentorin Hilfe benötigen, sind wir jederzeit zur Stelle. Zum Glück kam es dazu noch nicht. Es läuft wirklich wie am Schnürchen und alle Mentees und Mentorinnen sind eigeninitiativ und sehr engagiert. Neben dem Mentoringprogramm haben wir sowohl das Networking als auch das Devolping als gemeinsame Säule. Wir bieten geschlossene LinkdIn- und WhatsApp-Gruppen an, in denen sich die Teilnehmerinnen untereinander vernetzen können. Zudem veranstalten wir gemeinsame Workshops, bei denen wir zu verschiedenen Themen aufklären. Geplant ist da zum Beispiel ein Bewerbungstraining, das Thema Gehaltsverhandlung und vieles mehr.

Eins der Hauptprobleme, welches ihr benennt ist, dass sich weibliche Juristinnen zu Unrecht zu wenig zutrauen oder sich irgendwie zurückhalten. Was ist eure Einschätzung, woran das liegen könnte?

Ann-Kathrin: Das ist ein bunter Strauß an Faktoren, angefangen von der Situation im Studium, dass man ein sehr starkes Konkurrenzdenken hat, gerade wenn es dann in Richtung Examen geht.

Außerdem existieren überholte Vorstellungen von der Situation des Arbeitsmarktes. Bestimmte Anforderungen haben sich so in den Köpfen festgesetzt, obwohl diese mittlerweile nicht mehr gegeben sind. Einige Arbeitgeber öffnen sich immer mehr in Richtung softere Faktoren und schauen sich mehr den Lebenslauf an und nicht nur die Examensnote.

Es fehlen die Vorbilder, in Führungspositionen – es sind noch sehr wenige Frauen in der Partnerschaft oder Kammervorsitzende in der Justiz. Sowohl der Zugang als auch niedrigschwellige Angebote fehlen. Man sieht zwar äußerlich, dass Person XY es geschafft hat, jedoch gibt es wenige Wege, mit diesen Personen in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen. Nur so merkt man jedoch, dass jede erfolgreiche Frau ihre Probleme und ihre Hindernisse zu überwinden hatte und trotzdem erfolgreich ist.

Felicitas: Ich bin keine Soziologin, aber ich habe das Gefühl, dass viele Probleme aus der Erziehung stammen. Frauen oder Mädchen wird in der Kindheit oft gesagt sie sollen sich zurückhalten, um nicht negativ aufzufallen. Mir wurde immer gesagt – ohne dass es diese Personen böse meinten – , ich soll nicht so laut sein und lieber lächeln, sonst würde ich hysterisch wirken. Jungs in meinem Alter hingegen konnten coolere Sachen machen, z. B. sich raufen, schmutzig machen oder auch einmal ihre Meinung sagen.

Natürlich gibt es viele Ausnahmen und heutzutage ist das (hoffentlich) anders. Trotzdem setzt sich diese Erziehung und gesellschaftliche Prägung fest und beeinflusst unser alltägliches Verhalten. Ich kenne das beispielsweise von mir, wenn ich einem Call beiwohne: Ich habe mich perfekt und gründlich vorbereitet, mir alles angeschaut und traute mich trotzdem oft nicht gleichberechtigt mitzusprechen. Männer in vergleichbaren Positionen erlebe ich grundsätzlich häufiger mit diesem Selbstbewusstsein, was wir uns auch für Frauen wünschen.

Mittlerweile studieren mehr Frauen als Männer Jura. Im Hinblick darauf, was meint ihr: Wie weit ist der rechtswissenschaftliche Bereich überhaupt bei dem Thema Gleichberechtigung? Und welche Anpassungen muss es noch geben, um dieser Situation gerecht zu werden?

Felicitas: Bei uns ist in der Branche gibt es grundsätzlich eine Gleichwertigkeit von Gehältern, da es meistens feste Gehälterstufen gibt – und das finde ich super gut. Höhere Positionen sehe ich aber fast immer nur von Männern besetzt. Es gibt auch ein paar Rechtsgebiete z. B. Banking & Finance oder auch die Strafverteidigung, die immer noch eine Männerdomäne sind, auch wenn ich mehr Kolleginnen wahrnehme. Oft habe ich das Gefühl vor Gericht nicht so ernst genommen zu werden, gerade wenn man noch jung ist und noch nicht so viel Erfahrung hat. In vielen Besprechungen, bei denen ich dabei war, saß ich in einem Raum voller Männer.

Oberflächlich betrachtet ist in unserer Branche vieles gut. Genauer muss man sich als Frau nochmal stärker beweisen.

Ann-Kathrin: Genau. Ein weiteres Problem ist dieses Status-Quo-Denken, es herrscht oft eine allgemeine Resignation vor. Man denkt, Frauen haben es nun mal schwerer, Frauen sind nun mal die, die Kinder bekommen, Frauen können es eben nicht in Führungspositionen schaffen usw. Da fehlt der eine kleine Schritt weiter, um zu sagen Frauen hatten es schwerer oder haben es noch schwerer, aber wir müssen daran arbeiten.

Habt ihr einen Tipp oder eine “Golden Rule”, die ihr (angehenden) Juristinnen gerne mitgeben?

Felicitas: Man muus Sachen einfach machen, wenn sich diese richtig anfühlen, auch wenn man Angst vor ihnen hat. Nur man selbst weiß, ob das gut für einen ist. Irgendwie bekommt man es immer hin. Vielleicht Last Minute und übermüdet, vielleicht auch nicht perfekt, aber man schafft es.

Ann-Kathrin: Es wird immer Hoch und Tief-Phasen geben, deswegen empfehle ich Nachwuchsjuristinnen langfristig zu denken oder es zumindest zu versuchen und so die Erfahrung, die man macht – egal, ob es jetzt gerade gut oder schlecht läuft – dafür zu nutzen, die eigene Erwartungshaltung, Anforderungen an sich selbst und die Zukunftsvorstellungen herauszubilden und diese immer wieder zu überarbeiten und zu überprüfen.

Wenn ihr euch etwas wünschen könntet, was Kanzleien, aber auch Unternehmen und Universitäten machen sollten, um Frauen auf ihrem in den Rechtswissenschaften zu unterstützen, was wäre das?

Ann-Kathrin: Also auf jeden Fall gerade im Bereich der Universitäten und auch im Bereich des Referendariats wäre die Schaffung von niedrigschwelligen Angeboten, insbesondere in der Beratung ein wichtiger Bestandteil, den ich mir damals und eigentlich auch jetzt sehr gewünscht hätte, also eine Beratungsstelle.

Im Bereich der Arbeitgeber wünsche ich mir transparente Recruitment-Prozesse. – Es soll klar herausgestellt werden, worauf geachtet wird und worauf nicht. Ich wünsche mir zudem das Aufzeigen alternativer Karrierewege bspw. auf Karrieremessen oder Karriereevents.

Felicitas: Genau, ich würde mir zusätzlich noch wünschen, dass generell mehr weibliche Repräsentinnen da sind. Gerade im (kommerziellen) Repetitorium, aber auch an der Uni sind viel mehr männliche Professoren als Professorinnen und Dozentinnen tätig.  Mir fiel es damals sehr schwer, Vorbilder zu finden.

Wichtig wäre mir auch das Aufzeigen alternativer Karrierewege, aber ohne Stigmatisierung. Auch wenn nicht jede Frau Kinder möchte, ist eine familienfreundlichere Denkweise wichtig und damit auch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele Kanzlei denken, sie handeln familienfreundlich, aber ganz oft schneidet man sich als Frau, die ein Kind bekommt, den ein oder andere Karriereweg vielleicht nicht deutlich, aber mittelbar ab.

Danke euch. Legally Female beinhaltet vor allem ein Mentoring-Programm, könnt ihr erzählen, was die Mentorinnen und Mentees dabei erwartet?

Felicitas: Bei dem Programm geht es nicht um eine Gruppen-Betreuung, sondern wirklich ein 1:1 Mentoring. Das Mentoring-Programm dauert ein Jahr. Alle 6 Monate beginnt eine neue Runde. Das Angebot ist für beide Seiten kostenlos und deswegen auch sehr niedrigschwellig. Wir wollen dadurch auch echtes Engagement der Mentorinnen gewährleisten. Alles ist höchst vertraulich – nur wir beide haben einen Blick in die Bewerbungsunterlagen von den Mentorinnen und den Mentees.

Das Programm wird “betreut” – wir lassen sie nicht auf sich alleine gestellt, sondern wir haben Leitfäden und Einführungsabende, wir machen regelmäßige Feedbackrunden und stehen rund um die Uhr als Ansprechpartnerinnen bei Problemen zur Verfügung. Das Ganze ist dennoch sehr flexibel. Wir haben zwar den zeitlichen Rahmen von einem Jahr vorgegeben, aber eher, um niemanden darüber hinaus zu verpflichten. Natürlich kann man auch nach dem Jahr noch miteinander verbunden sein.

Was das Matching von Mentee und Mentorin angeht, schauen wir nicht nur nach dem Standort, sondern gewichten nach individuellen Kriterien. Dadurch ist der Standort manchmal nicht ganz deckend, aber ich glaube, wir haben bisher ganz gute Arbeit geleistet. Bisher haben wir nur positives Feedback erhalten.

Ann-Kathrin: Neben dem Mentoring haben wir ein Netzwerk geschaffen, weil wir gemerkt haben, wie viel viel Bedarf es nach Austausch und einer Community gibt. Deswegen bieten wir, in regelmäßigen Abständen Events zu verschiedenen Themen an – zum Studium, zum Referendariat, aber auch zum Beruf. Teilweise geschlechterspezifisch, teilweise geschlechterübergreifend.

Wir haben sowohl eine LinkedIn-Gruppen für die Mentorinnen und für die Mentees als auch eine gemeinsame Gruppe, in der man Fragen stellen kann, sich zum Kaffee verabreden kann etc. Für die Mentees haben wir mittlerweile auch eine WhatsApp-Gruppe gegründet, weil der Wunsch nach einer noch engeren Vernetzung aufkam. Wir versuchen sehr engmaschig auf die Bedürfnisse unserer Teilnehmerinnen einzugehen. Wenn wir merken, dass da der Wunsch nach einem bestimmten Angebot vorhanden ist und wir können diesen realisieren, machen wir das auch.

Stichwort Events: Ihr seid am 31. Mai dann auch bei uns auf der Juracon in Frankfurt dabei – könnt ihr einen kurzen Einblick geben, was die Besucher und Besucherinnen erwartet?

Felicitas: Wir sind Speakerinnen bei euch und freuen uns schon sehr. Es wird darum gehen, für sich selbst einzustehen und das zu machen, was sich persönlich richtig anfühlt – egal, was andere dazu sagen.

Ann-Kathrin: Unser Vortrag ist natürlich auch der rote Faden von Legally Female: Seinen eigenen Weg zu finden und diesen dann auch zu bestreiten.

Ja, das ist auch eine spannende Möglichkeit für die, die jetzt vielleicht noch nicht am Mentorenprogramm teilnehmen euch kennenzulernen und einen näheren Einblick zu bekommen.

Ann-Kathrin: Ja total, wir freuen uns auch, viele neue und bekannte Gesichter zu sehen.

Felicitas: Wir freuen uns schon sehr, euch alle in echt zu treffen. Vielen Dank für das Interview.

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