Kartellrecht in der EU: Als Kartellrechts-Referendar in Brüssel

Kartellrecht in der Europäischen Union: Ein Kartellrechtler berichtet von seiner EU-Auslandswahlstation, die für ihn vorentscheidend für die Wahl des späteren Arbeitgebers war.

Der juristische Vorbereitungsdienst verlängert nicht nur unsere Ausbildung. Richtig genutzt, kann er auch enorm dazu beitragen, „die richtige Stelle in der richtigen Kanzlei“ zu finden. Das gilt besonders dann, wenn das eigene Schwerpunktgebiet starke internationale Bezüge aufweist.

Kartellrecht in der EU: Auslandsstation und Schwerpunktgebiet

Mein Wunsch, in eine internationale Kanzlei zu gehen, hing eng mit der Wahl meines Schwerpunktgebiets zusammen. Kartellrechtliche Sachverhalte, vor allem Sachverhalte auf dem Gebiet der Fusionskontrolle, sind häufig sehr komplex. Das hängt damit zusammen, dass die jeweiligen Mandanten global tätig und die jeweiligen Produktmärkte entsprechend abzugrenzen sind.

Große Zusammenschlüsse werden häufig von Konzernen angestrebt, die bereits in ihrer jeweiligen Branche führend sind und ihren Markt mit bestimmten Produkten prägen. An deren Mandaten mitzuarbeiten verleiht der Tätigkeit einen Maßstab und eine Bedeutung, die die Arbeit für mich besonders reizvoll machen.

Außerdem finde ich es bereichernd und abwechslungsreich zu erleben, wie die Arbeit vor Ort mit ausländischen Büros, Anwälten und Kartellbehörden weltweit koordiniert wird. Dabei muss man sich auch in fremde Rechtsordnungen einarbeiten.

Einstieg in die Mandatsarbeit: internationale Mandanten und Projektmanagement

Bei Arnold & Porter habe ich meinen Einstieg in die Mandatsarbeit als reibungslos empfunden. Dabei war die ausgesprochen offene Kommunikationskultur, die in der Kanzlei herrscht, sehr hilfreich. Bereits am ersten Tag begann meine Tätigkeit damit, eine Recherche über die weltweiten Aktivitäten eines Kartells, das über zehn Jahre bestand, zu ermitteln und zusammenzufassen.

Hoch spannend war für mich auch die Tätigkeit in unserem Brüsseler Büro, in dem ausschließlich internationale Mandanten in enger Zusammenarbeit mit dem Londoner Büro von Arnold & Porter vor der EU-Kommission vertreten werden.

Darüber hinaus wird von Brüssel aus die Tätigkeit von Partnerkanzleien in verschiedenen anderen Ländern koordiniert. Dabei erwies sich für mich der für Juristen bis zum Berufseinstieg weitgehend unbekannte Arbeitsbereich „Projektmanagement“ als äußerst abwechslungsreich und anregend.

Denn das Gelingen eines Zusammenschlusses hängt in gleichem Maße von höchst qualifizierter juristischer Arbeit wie auch von einer zeitsensiblen Organisation der jeweils notwendigen Transaktionsschritte ab.

Kartellinstitutionen: Immer in EU-Behördennähe

Die Koordination von globalen Zusammenschlüssen im Brüsseler Büro von Arnold & Porter erlebte ich zusammen mit einem beinahe täglichen fachlichen Austausch mit der EU-Kommission seitens der Anwälte vor Ort. Die EU-Kommission ist zusammen mit den beiden US-amerikanischen Kartellbehörden weltweit eine der bedeutendsten Kartellinstitutionen.

Die Entscheidungen der Kommission betreffen unmittelbar 28 Mitgliedstaaten und sind mittelbar wegweisend für viele außereuropäische Kartellbehörden. Dementsprechend war die Station im Brüsseler Büro fachlich sehr spannend und herausfordernd.

So erinnere ich mich an eine lange Telefonkonferenz mit einem der Case-Teams der EU-Kommission, bei der ein A&P-Team sowie die Anwälte einer anderen internationalen Kanzlei das Case-Team von ihrem Standpunkt zu überzeugen versuchten. Dieser Auseinandersetzung beizuwohnen, brachte mir viele anregende Einblicke in Sachen Verhandlungsgeschick und -taktik.

Multinationale Praxis

Besonders bei den großen Verfahren arbeiten die europäischen Büros von Arnold & Porter als integrierte Praxis zusammen. Oft waren auch Anwälte aus dem Londoner Team in Brüssel vor Ort. Insgesamt spiegeln die A&P-Teams den globalen Charakter unserer Arbeit, sowie denjenigen des Standorts Brüssel wider: Ich hatte die Freude, dort mit Kollegen unterschiedlicher Nationalitäten zusammen zu arbeiten, u. a. mit Anwälten aus Dänemark, Belgien, Bulgarien, Frankreich und Großbritannien.

Dies zusammen mit der Tatsache, dass Brüssel der Sitz bedeutender europäischer Institutionen ist, aber auch ein reichhaltiges kulinarisches Angebot zur Verfügung stellt, machte den Standort für mich so interessant.

Nähe zu Mandanten: Frontline-Tätigkeit

Insgesamt bietet das Büro von Arnold & Porter in Brüssel auf Grund seiner Größe, Struktur und Spezialisierung eine Art „Boutique Flair“, in das ich gerne eingetaucht bin. Als kleinere Einheit innerhalb einer großen internationalen Kanzlei verfügt Arnold & Porter nun einmal über flexiblere Strukturen als eine klassische Großkanzlei.

In der Praxis heißt das, dass die andernorts oft nur verbal beschworenen „flachen Hierarchien“ und die „enge Zusammenarbeit mit den ausländischen Büros“ in Einheiten wie in Brüssel und Frankfurt nicht untergehen. Stattdessen arbeitet man von Anfang an unmittelbar mit den Partnern zusammen und ist schon früh in der Nähe des Mandanten.

Diese „Frontline-Tätigkeit“ führt zwangsläufig zu einer vergleichsweise größeren Verantwortung, das muss man mögen. In jedem Fall bedingt es aber eine steile Lernkurve.

>> Teams spiegeln den globalen Charakter unserer Arbeit wider <<

Mentoren, aber keine exklusiven Ansprechpartner

Als besonders bereichernd empfand ich es außerdem, zeitgleich mit der Fertigstellung der jeweiligen Aufgabe Feedback zu bekommen und die eigene Leistung unmittelbar und ungefiltert an den Anforderungen der Praxis messen zu können.

Die direkte Arbeit mit den Partnern unter Ausschluss zwischengeschalteter Stellen hat mir oft geholfen, die wirtschaftlichen Hintergründe von Sachverhalten schnell zu erfassen und die eigene Aufgabenstellung richtig zu verstehen.

Eine wichtige Integrationsmaßnahme war für mich im Nachhinein betrachtet auch, dass mir in Frankfurt und Brüssel zwar ein Mentor, aber keine exklusiven Ansprechpartner zugeordnet wurden. So hatte ich Gelegenheit, mit vielen Kollegen in beiden Büros zusammen zu arbeiten.

Gründliche Suche – Finden des „richtigen“ Teams

Referendaren, die gerade auf der Suche nach „der richtigen Stelle in der richtigen Kanzlei“ sind, rate ich vor allem gründlich zu suchen. Sie sollten ruhig jenseits der oft aufwändig aufgebauten „Kanzleimarken“ ergründen, ob Ihr Wunsch-Team die einschlägigen Voraussetzungen für die gewünschte Stationserfahrung anbietet.

Idealerweise geschieht das im Wege informeller Kontakte mit aktuellen oder ehemaligen Mitarbeitern einer Kanzlei. Ansonsten gibt es die üblichen Fachportale, die häufig umfassende Informationen über einzelne Teams, aber auch einzelne Personen und Deals anbieten.

Auch Nachwuchsmessen und Fakultätskarrieretage oder Webseiten wie diese oder azur geben Auskunft über die Aufstellung von Sozietäten. Sobald eine Kanzlei passend erscheint, sollten Sie den persönlichen Kontakt mit den dort für HR-Verantwortlichen suchen. Scheuen Sie nie das Gespräch, das ist wohl das Beste, was man hier raten kann.

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