KanzleiTech!: Der Anwaltsberuf im digitalen Zeitalter

Legal Tech ist aus der Rechtsberatungsbranche nicht mehr wegzudenken. Viele werben damit, aber nur wenige haben die Entwicklung rechtzeitig aufgegriffen. Denn das Echo auf den allgegenwärtigen Schlachtruf war lange durchaus geteilt – die einen reagierten sehr skeptisch, wenn es darum ging, anwaltliche Leistungen zu automatisieren, die anderen haben sich früh für den Fortschritt, die Veränderung und die erhoffte Erleichterung ihres Arbeitsalltages begeistert.

Welche Veränderungen aber hat Legal Tech tatsächlich gebracht? In welchen Bereichen kann es verwendet werden? Und kann es Anwälte irgendwann wirklich überflüssig machen? Die Sozietät der Autorin gehört zu den Legal-Tech-Kanzleien der ersten Stunde und eröffnet ihr seit langem einen Blick auf das Phänomen, das den Anwaltsberuf zweifellos verändern wird.

Für die Rechtsberatungsbranche bedeutet Zukunftsorientierung insbesondere, sich mit Legal Tech zu befassen und die geeigneten Anwendungen zu implementieren. Sich im gegenwärtigen Feuerwerk von Marketingkampagnen, technologischen Heilsversprechen und aufgeblähten Zukunftsbildern einen realistischen Eindruck davon zu verschaffen, was Legal Tech tatsächlich zu leisten vermag, erfordert dabei Geduld und kritischen Abstand zum Hype. Für die Kanzlei FPS hat das Thema absolute Priorität, wenn es um die strategische Ausrichtung geht. Partner Florian Wiesner koordiniert und moderiert als Chief Digital Officer (CDO) den Prozess der Digitalisierung:

„Selbst bei nüchterner Betrachtung eröffnen sich spannende Perspektiven: Legal Tech beschreibt Technologien, die routinemäßige Arbeitsprozesse, d. h. auch grundlegende Rechtsdienstleistungen schrittweise automatisieren soll. Robotic Process Automation und Einsatz von künstlicher Intelligenz in Form des machine learnings sind die beiden Kerngebiete von Legal Tech,“

analysiert Wiesner die aktuelle Transformationsphase in der Kanzlei. Außerdem bedeute Legal Tech auch den Einzug von Methoden aus dem Bereich der agilen Softwareentwicklung und dem Projektmanagement allgemein. Scrum, Kanban oder Design Thinking eröffnen die Möglichkeit zur kontrollierten Gestaltung des Veränderungsprozesses – denn die erfolgreiche Integration von Legal Tech erfordert Methode.

Nun haben Rechtsanwälte gemeinhin nicht den Ruf, besonders progressiv zu sein. Mit dem Anwaltsstand verbindet man ein eher konservatives Weltbild und eine gewisse Behäbigkeit, wenn es um Neuerungen geht. Aber dieses Klischee täuscht.

Längst sind die großen und kleinen Kanzleien in der digitalen Welt angekommen und haben begonnen, Legal Tech-Module in ihren Arbeitsablauf zu integrieren. Denn erstens gibt es auch unter den Anwälten mittlerweile zahlreiche „Digital Natives“, und zweitens sind die vielfältigen Vorteile, die man sich erhofft, durchaus beträchtlich, wenn man das Thema strategisch angeht:

Effizienzsteigerung, Kostenreduktion, Erleichterung des anwaltlichen Arbeitsalltages durch die Befreiung von Routineaufgaben und die Freisetzung von Zeit- und Kraftressourcen für individuelle, nicht automatisier­bare Mandantenberatung. Legal Tech erscheint vielen als eine ebenso elegante wie attraktive Möglichkeit, das Geschäft voranzubringen.

ERWARTUNGEN AN DIE NEUEN TECHNOLOGIEN UND DIE WIRKLICHKEIT

Doch nicht immer passen die Erwartungen zur Wirklichkeit. Daher kann man bei den Kanzleien auch nicht immer ein profundes Verständnis der Möglichkeiten (und Grenzen) der neuen Technologien voraussetzen – eine Wissenslücke, die für manches Start-up im Bereich Legal Tech zur Marktlücke geworden ist.

Und so gibt es mittlerweile viele junge Unternehmen, die nicht nur Legal-Tech-Lösungen anbieten, sondern auch zu deren Anwendung beraten und die passenden Strategien entwickeln. Sie kommen mit einem frischen Blick von außen, müssen sich weder mit dem Tagesgeschäft noch mit den Gewohnheiten der Kanzleien beschäftigen und können die Situation objektiv analysieren. Einige Kanzleien, so hört man von solchen Beratungsunternehmen, haben bereits sehr genaue Vorstellungen und benötigen lediglich Hilfe bei der Umsetzung, andere fangen buchstäblich bei null an.

Die Beratung ist dementsprechend breit gefächert und umfasst neben Software-Lösungen auch Strategie, Implementierung und Veränderungsprozesse. Alles in allem jedoch entwickele sich die Einstellung positiv, und mehr und mehr Kanzleien beschäftigten sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf ihr Geschäft.

CHATBOTS UND GENERATOREN STATT ANWÄLTEN?

Anwendungen, die die tägliche Arbeit von Rechtsanwälten lediglich unterstützen, gibt es in vielen Kanzleien schon länger. Auch solche Werkzeuge, die Anwälte mit Kollegen oder Mandanten vernetzen, sind bereits recht gut etabliert. Seit dem Ausbruch des Legal Tech Hypes 2016 etablieren sich zudem zunehmend Legal-Tech-Lösungen, die Arbeitsabläufe automatisieren.

Besonders in standardisierten Bereichen können Anwendungen wie zum Beispiel Chatbots oder Vertragsgeneratoren sinnvoll sein: Die Erstellung von Verträgen, die Analyse von Dokumenten oder das Verfassen von Klageschriften oder Widersprüchen erfordern nur noch sehr bedingt den ausschließlichen Einsatz von Menschen. Denn Datenraumarbeit ist zeit- und kostenintensiv und diejenigen, die in digitalen Massen an Dokumenten nach bestimmten Informationen suchen, sieht man selten freudestrahlend über den Akten sitzen.

Solche sogenannten Data Extractions können mittels neuester Technologie von lernenden Maschinen, einer künstlichen Intelligenz (KI) also, durchgeführt werden. Der Anwalt, der nach einem Datenpunkt sucht, überprüft nur noch die durch den Computer ermittelten Werte. So ist es ihm möglich, dem Mandanten mit besserem Rechtsrat und zudem schneller zur Seite zu stehen.

KEINE HORRORSZENARIEN

Wie lange wird es also dauern bis die Maschine die anwaltliche Tätigkeit vollständig übernehmen wird? Man darf beruhigt sein: „Zwar gibt es bereits Software, die das Automatisierungspotenzial anwaltlicher Tätigkeit optimal ausschöpft und die Arbeit einiger Associates obsolet machen wird, die KI, die den Rechtsanwalt als Rechtsberater insgesamt und in absehbarer Zukunft ersetzt, existiert nicht. Die digitale Transformation der Kanzlei ist ein evolutiver Prozess,“ kommentiert FPS-Legal Engineer Marvin Fechner; die Horrorszenarien von Scharen arbeitsloser Anwälte sind daher (vorerst) unbegründet. Legal Tech-Start-ups wie flightright, bikeright oder hartz4widerspruch.de zeigen allerdings: Um einen Anspruch durchzusetzen, bedarf es nicht unbedingt eines teuren Rechtsberaters. Smarte Technologie und kreative Entwickler können hier vollwertige Alternativen bieten.

ASSET EMPLOYER BRANDING

Im Oktober haben wir eine interne Veranstaltungsreihe zur Rechtsautomation gestartet. Die einzelnen Workshops befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten und konkreten Möglichkeiten der Integration digitaler Technologie im juristischen Bereich. Nach dem ersten Workshop merkte unser Berliner Kollege Johannes Jeep an: „Es gab sehr gute Impulse, man kann nur sagen, dass wir ein maßgebliches Dialog- und Beratungssystem kennengelernt haben.“

VERBESSERTE ARBEITSPROZESSE

Insgesamt treiben wir die digitale Transformation durch die Integration von Legal-Tech-Lösungen in juristische Arbeitsprozesse entschlossen voran. Dabei geht es vor allem um Lösungen, die das Geschäftsmodell abseits des Legal Tech-Hypes sinnvoll ergänzen. Das erklärte Ziel der Kanzlei ist, Arbeitsprozesse zu verbessern, um noch bessere Arbeitsergebnisse zu erzielen. Um allen Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, sich die nötigen Kenntnisse anzueignen, entwickelt FPS mit Medienpädagogen, Legal Engineers, Knowledge Managern und einem Entwicklerteam eine „Learning Experience Plattform“, die sie „Kompass“ nennt, eine personalisierte Oberfläche, über die Module zu den verschiedensten Inhalten genutzt werden können.

INTELLIGENTE WERKZEUGE

Bei der Einführung von Legal Tech wählt man sehr bewusst aus: Wichtig sind insbesondere solche Anwendungen, die dem Anwalt mehr Zeit für Rechtsberatung geben und weniger Bürotätigkeit nötig machen. Alles, was sinnvoll automatisierbar ist, soll und wird automatisiert werden. Beispiele für den Einsatz intelligenter Werkzeige reichen vom simplen Aufwandserfassungstool über Machine Learning-basierte Software für das digitale Diktat, die elektronische Akte bis hin zu Expertensystemen und Dokumentenautomation.

Die Kanzlei hat sich intensiv mit der Materie beschäftigt und umfassend beraten lassen. Für bestehende, aber auch neue Mitarbeiter und juristische Nachwuchstalente ist ein so durchdachtes Konzept natürlich sehr attraktiv: Ein digitalisierter Arbeitsplatz mit digitalisierten Arbeitsprozessen eröffnet neue Perspektiven und erlaubt es, sich in weit höherem Maße als bisher dem Beruf zu widmen, den man aus Überzeugung gewählt und für den man studiert und gelernt hat.

DIE ZUKUNFT: VERÄNDERTES SELBSTVERSTÄNDNIS …

Mit Blick auf die Zukunft des Anwaltsgeschäfts verändert Legal Tech das Selbstverständnis von Rechtsanwälten. Die Automatisierung schreitet voran – und steigert natürlich den Wettbewerb und den Preisdruck. Standardprozesse können nun kostengünstiger abgearbeitet werden; die Vergütungsmodelle werden auch für den Mandanten vergleichbarer und transparenter. Für den Anwalt wird daher wichtiger werden, technische Kenntnisse und unternehmerisches Denken zu vertiefen. Aber: Die eigentliche juristische Kreativarbeit wird dadurch eben nicht obsolet. Im Gegenteil: Sie beginnt dort, wo Versatzstücke auf die individuelle Situation des Mandanten angepasst werden muss. „Legal Tech ermöglicht es dem Anwalt, sich auf juristische Kreativarbeit zu konzentrieren und repetitive Arbeit dem Computer zu überlassen,“ resümiert CDO Florian Wiesner.

… BLEIBENDE FRAGEN

Computergenerierte Musterverträge beantworten essenzielle Fragen nicht – ist wirklich formuliert, was der Mandant will? Regelt der Vertrag die spezifischen Anforderungen des konkreten Sachverhaltes? Entspricht er der neuesten Rechtsprechung? Ein Vertrag muss so aufgesetzt werden, dass der Mandant sich verstanden und in seinen Wünschen respektiert fühlt und dennoch die juristisch korrekte Sprache verwendet wird. Das braucht zuweilen ein gutes Maß „Überzeugungsarbeit“, die eine Software eben nicht leisten kann, und die doch oft das Wichtigste der anwaltlichen Arbeit ist.

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