Jurakarriere: Berufseinstieg im Versicherungsrecht

Eine anwaltliche Fokussierung auf das Versicherungsrecht als Berufseinstieg ist nicht nur kurz- und mittelfristig attraktiv und vielversprechend, sondern kann sich auch und gerade auf lange Sicht gesehen wirklich auszahlen.

Berufseinstieg im Versicherungsrecht

Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) zählte für das Jahr 2019 nahezu 500.000 Erwerbstätige in der Versicherungswirtschaft. Allein die Beiträge für Erstversicherungsunternehmen betragen jährlich mehr als 220 Milliarden Euro. Nach wie vor gibt es in Deutschland mehr Lebensversicherungsverträge als Einwohner. In der Schaden-/Unfallversicherung werden jährlich Schäden von mehr als 23 Millionen Euro reguliert.

Diese Zahlen dokumentieren eindrucksvoll die Bedeutung der Versicherungsbranche. Entsprechend groß ist auch die Bandbreite an Betätigungsfeldern für Juristen im Bereich des Versicherungsrechts – sei es als Rechtsanwalt, als Syndikus im Versicherungsunternehmen, als Richter in einer Versicherungskammer.

Der Bedarf an Juristen in der Assekuranz ist sogar besonders groß. Woran das liegt? Am Produkt selbst. Die Versicherung ist ein Rechtsprodukt. Sie wird nicht physisch hergestellt, sie ist nicht greifbar. Sie entsteht durch Abschluss eines Vertrages, der den Inhalt der (Versicherungs-)Leistung regelt. Ein geradezu ideales Betätigungsfeld für Juristen! 

Die Kanzlei BLD Bach Langheid Dallmayr Rechtsanwälte (BLD) ist im Bereich des Versicherungsrechts sowohl forensisch als auch beratend aktiv. Beide Tätigkeitsfelder bieten für einen Berufseinstieg als Rechtsanwalt interessante fachliche Herausforderungen, die in diesem Beitrag ausschnittsweise beschrieben werden.

Beratung: Produktentwicklung

Die Versicherungswirtschaft ist sehr dynamisch. Sie reagiert schnell auf geänderte rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen (z. B. durch Digitalisierung) sowie auf ein geändertes Nachfrageverhalten (z. B. durch ein gewachsenes ökologisches Bewusstsein). Dadurch entstehen immer wieder neue, innovative Versicherungsprodukte.

Gedacht sei hier etwa an Cyberdeckungen, neue fondsgebundene Rentenversicherungen, die sich auf nachhaltige Investitionen fokussieren, App-basierte Versicherungslösungen für E-Scooter oder digitale parametrische Wetterversicherungen. Dementsprechend sind Rechtsanwälte, die Versicherungsunternehmen bei der Produktentwicklung beraten, stets „am Puls der Zeit“.

Je komplexer das avisierte Versicherungsprodukt, desto herausfordernder ist es, ein Wording zu entwickeln, das den Vorstellungen aller involvierten Abteilungen (z. B. Aktuariat, Kapitalanlage, Recht & Steuern) und nicht zuletzt dem Vertrieb entspricht. Für den beratenden Rechtsanwalt ist bei der Produktentwicklung der Dialog mit den interdisziplinären Ansprechpartnern aus dem Unternehmen fachlich besonders bereichernd. 

Gerade bei innovativen Versicherungslösungen, zu denen – eben weil sie neu sind – noch keinerlei Rechtsprechung ergangen ist, kann die Strukturierung und transparente Abfassung des Wordings besonders schwierig sein. Insoweit hat der Anwalt versicherungsrechtliche Pionierarbeit zu leisten, indem er versucht, rechtliche Problemfelder zu identifizieren und vorausschauend aufzulösen.

Forensik im Versicherungsrecht

Die eingangs beschriebene Dimension der Versicherungsschäden lässt erahnen, dass im Bereich des Versicherungsrechts Jahr für Jahr eine beträchtliche Zahl an Rechtsstreitigkeiten geführt wird. Entsprechend der Sparten-Vielfalt sind auch die Gegenstände der Prozesse breit gestreut. Sie reichen von Großverfahren in der D&O-Versicherung über Sturm- und Brandschäden in der Sachversicherung bis hin zu Streitigkeiten in der Personenversicherung. Die nachfolgend skizzierten Fälle aus der Lebens- und Krankenversicherung verdeutlichen pars pro toto das breite Themenspektrum.

Prozess-Beispiele: Lebensversicherung

Versucht man die Prozesse in der Lebensversicherung zu „clustern“, dann bilden Rückabwicklungsklagen in den letzten Jahren zahlenmäßig die größte Gruppe. Inhaltlich geht es darum, dass Versicherungsnehmer versuchen, sich Jahre nach Abschluss einer kapitalbildenden Lebensversicherung rückwirkend vom Vertrag zu lösen.

Begründet wird dies mit einer vermeintlich fehlerhaften Widerrufsbelehrung oder vorvertraglichen Information. Regelmäßig werden dabei von Anspruchstellerseite Zahlungen verlangt, die weit oberhalb der vom Versicherer vertraglich versprochenen Leistungen liegen. Mit Blick auf die Masse der potenziell betroffenen Verträge hat die Thematik aus Sicht der Unternehmen eine immense wirtschaftliche Bedeutung.

Für den Rechtsanwalt, der die Prozesse führt, ist dieser Themenkomplex vor allem aufgrund seiner Dynamik interessant. Denn wie eine Lebensversicherung rückabzuwickeln ist, hat die Rechtsprechung bis heute noch nicht abschließend geklärt! So gibt es immer wieder neue Entscheidungen des BGH zu Einzelfragen, gegenwärtig vor allem zur Anspruchshöhe, auf die sich die Anwälte einzustellen haben.

Prozesse in der Lebensversicherung durch neue gesetzliche Vorgaben

Nicht selten werden Prozesse in der Lebensversicherung aber auch durch neue gesetzliche Vorgaben ausgelöst. Aktuell gilt dies etwa für Prozesse zur Höhe der Beteiligung an stillen Reserven, die ein Lebensversicherer nach dem Lebensversicherungsreformgesetz abgehenden Verträgen „mitzugeben“ hat.

Kurz zusammengefasst sieht diese Neuregelung vor, dass ein Lebensversicherer dann, wenn ein legaldefinierter Sicherungsbedarf besteht, die Verträge wegen der Belastungen der Niedrigzinsphase am weit überwiegenden Teil der stillen Reserven nicht mehr beteiligen muss. Im Sinne einer gerechten Lastenverteilung hat der Gesetzgeber parallel eine Ausschüttungssperre normiert.

Wenn die Versicherten wegen eines Sicherungsbedarfs eine niedrigere Beteiligung an den stillen Reserven erhalten, dürfen auch keine Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Gegenwärtig wird darum gestritten, ob Gewinnabführungen auf Grundlage eines Gewinnabführungsvertrages einen Verstoß gegen die Ausschüttungssperre darstellen und welche Auswirkungen ein solcher Verstoß auf die Beteiligung der Versicherungsnehmer an den stillen Reserven hätte.

Eine Fragestellung von millionenschwerer Bedeutung! Für die anwaltliche Mandatsbearbeitung zeigt diese Thematik, dass das Versicherungsrecht oft eng mit gesellschaftsrechtlichen Zusammenhängen verwoben und auch derart facettenreich daherkommt.

Prozess-Beispiele: Krankenversicherung

Versicherungsprozesse in der Krankenversicherung beschränken sich keineswegs nur auf Deckungsfragen, bei denen um die Eintrittspflichtigkeit des Krankenversicherers für die Kosten einer bestimmten ärztlichen Heilbehandlung gestritten wird. Verwiesen sei nur auf die großvolumigen Regress-Verfahren der letzten Zeit, mit denen private Krankenversicherer gegen Krankenhausträger die für Zytostatika berechnete Umsatzsteuer zurückfordern. Diese Fälle zeigen exemplarisch, dass das Versicherungsrecht ebenfalls viele Schnittstellen zum Steuerrecht aufweist. 

Perspektiven für Berufseinsteiger im Versicherungsrecht

Für Einsteiger in den Anwaltsberuf bietet eine Fokussierung auf das Versicherungsrecht große Chancen auf eine erfolgreiche Karriere. Angesichts der Komplexität und Vielfalt des Rechtsgebiets, die dieser Beitrag nur ansatzweise andeuten kann, empfiehlt es sich, bei der Auswahl des Arbeitgebers zum Berufseinstieg besonderen Wert auf dessen internes Ausbildungsprogramm zu legen.

So hält BLD etwa eigens ein Mentorenprogramm vor. Junior Associates wird vom ersten Tag an ein erfahrener Mentor zur Seite gestellt, der diese dabei begleitet, ein eigenes Dezernat aufzubauen und zu führen. Durch kontinuierliches Feedback und Anleitung des Mentors gewinnen junge Rechtsanwälte schnell fachliche Sicherheit. Dazu kann eine Spezialisierung auf bestimmte Sparten oder Ausschnitte aus dem Bereich des Versicherungsrechts beitragen. Die Spezialisierung kann zudem dem Aufbau einer eigenen Reputation förderlich sein.

Associates, die einen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auch auf die Beratung von Versicherungsunternehmen legen wollen, werden daran sukzessive herangeführt. Forensik und Beratung werden bei BLD im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes verstanden. Gerade die anwaltliche Beratung bei der Produktentwicklung profitiert in hohem Maße davon, dass die Berater auch mit der Führung von Versicherungsprozessen vertraut sind. Denn nur wer die Anforderungen der Gerichte an Versicherungsbedingungen kennt, kann Versicherungsprodukte mit dem erforderlichen Maß an Rechtssicherheit konzipieren und künftige Tendenzen in der Rechtsprechung antizipieren.

Im Übrigen bietet die Entscheidung für das Versicherungsrecht den Vorteil, dass dieses Rechtsgebiet im Vergleich zu anderen Tätigkeitsbereichen relativ krisenfest ist. So wirft etwa die aktuelle Corona-Pandemie eine ganze Reihe an spannenden versicherungsrechtlichen Fragen auf, die die Anwaltschaft nachhaltig beschäftigen. Gedacht sei u. a. an die wirtschaftliche Reichweite von Pandemie-Ausschlüssen in Bedingungen in Deckungsprozessen zur Betriebsschließungsversicherung, zur Veranstaltungsausfallversicherung oder zur Reiserücktrittsversicherung. 

Dies alles rechtfertigt aus Sicht des Verfassers die Einschätzung, dass eine anwaltliche Fokussierung auf das Versicherungsrecht als Berufseinstieg nicht nur kurz- und mittelfristig attraktiv und vielversprechend ist, sondern sich auch und gerade auf lange Sicht gesehen wirklich auszahlen kann. 

Dieser Artikel erschien zuerst im mylawguide 2020, dem Karrierehandbuch für Juristinnen und Juristen.

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