Berufsbild: Welche Aufgaben hat ein Fachanwalt für Arbeitsrecht?

Mit der arbeitsrechtlichen Praxis kommen angehende Volljuristen während des Studiums und des Referendariats nur selten in Berührung. Dennoch ist der „Fachanwalt für Arbeitsrecht“ der meistvergebene Fachanwaltstitel.

Dies allein lässt bereits auf Reichweite und Bedeutung des Rechtsgebietes schließen. Der nachstehende Beitrag beleuchtet aus Sicht des im Arbeitsrecht praktizierenden Rechtsanwalts einige Gründe, warum das Arbeitsrecht von vielen Juristen im Berufs­leben als Schwerpunkt ausgewählt wird.

Arbeitsrecht ist überall

Arbeitsrechtliche Themen begegnen dem Praktiker überall, sei es in der eigenen beruflichen Laufbahn als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, im Rahmen der medialen Berichterstattung bei politischen Debatten oder etwa dem Streik der Mitarbeiter von Kindertagesstätten, Fluggesellschaften oder der Bahn. Millionen von Arbeitnehmern sind in Gewerkschaften organisiert und wiederum tausende Arbeitgeber in Verbänden. Arbeitsrechtliche Gesetzesinitiativen und Neuerungen wie z. B. die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns, das Befristungsrecht, das Recht zur Brückenteilzeit oder die Modifizierung der Arbeitnehmerüberlassung beeinflussen unseren Alltag.

Arbeitsrecht als Spiegelbild von Politik und Gesellschaft

Arbeitsrecht ist ein Spiegelbild von Politik und Gesellschaft. Schon immer schlagen sich gesellschaftliche und politische Veränderungen im Arbeitsrecht nieder. Nach den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft soll ein möglichst gerechter Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gefunden werden.

Diesem Interessenausgleich widmen sich Gesetzgeber und Rechtsprechung. Immerhin haben ca. 42 Millionen Menschen Arbeitsverhältnisse in Deutschland. Die materielle Lebenssituation der meisten Deutschen basiert auf ihren arbeitsrechtlichen Ansprüchen in Form von Lohn und Versorgung.

Arbeitsrecht als Rechtsmaterie

Gleichzeitig ist das Arbeitsrecht keine in sich geschlossene Rechtsmaterie. Es ist das zivile Sonderrecht der abhängig Beschäftigten. Eine Vielzahl verfassungsrechtlicher und öffentlichrechtlicher Normen ergänzt die Arbeitsrechtsordnung. Darüber hinaus beeinflusst das Europarecht die Rechtsanwendung in Deutschland und prägt zugleich die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte.

Aktuelle Entscheidungen des EuGH zum Urlaubsrecht (insbesondere die „Schultz-Hoff“-Entscheidung) oder zur Anwendbarkeit von arbeitsrechtlichen Normen auf Geschäftsführer (wie die „Danosa“-Entscheidung des EuGH) belegen dies eindrucksvoll.

Während das Individualarbeitsrecht die Rechte der Parteien des Arbeitsvertrages regelt, behandelt das kollektive Arbeitsrecht die Rechtsbeziehungen der „arbeitsrechtlichen Kollektive“ von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Kollektivrechtliche Regelungen beruhen in ihrem historischen Verständnis auf dem Gedanken, durch eine Gruppenpräsentation und daraus resultierender Mächtigkeit der Gruppen das Arbeitsleben ausgewogen und sozial gestalten zu können. Es gilt das Subsidiaritätsprinzip, wonach die Koalitionen des Arbeitslebens über soziale Standards ohne staatliche Einflussnahme entscheiden dürfen. 

Wo kommen Arbeitsrechtler zum Einsatz?

Arbeitsrecht im Berufsalltag

Das Gebiet des Arbeitsrechts ist mithin keineswegs „trocken“ oder reine Rechtstheorie. Aufgrund seiner sozialen Bedeutung, der ständigen Veränderungen und des hohen Stellenwerts der Arbeit für den Sozialschutz des Einzelnen ist eine berufliche Tätigkeit im Bereich des Arbeitsrechts sowohl vielfältig wie verantwortungsvoll. Sie erfordert neben rechtlichen Kenntnissen Verhandlungsgeschick und Empathie. Zu den Haupteinsatzorten von Arbeitsrechtlern in der Praxis zählen die Arbeit in Unternehmen, Verbänden und bei Gewerkschaften, außerdem die Arbeit als Richter und schließlich die anwaltliche Tätigkeit. 

Unternehmen, Verbände, Gewerkschaften

In Unternehmen werden Arbeitsrechtler als Syndikusrechtsanwälte oder im Bereich Human Resources beschäftigt. Dort agieren sie im Unternehmensinteresse. Sie entwerfen Arbeitsverträge, verfassen Abmahn- und Kündigungsschreiben, führen Verhandlungen mit dem Betriebsrat und den Mitarbeitern, verhandeln Tarifverträge mit der Gewerkschaft und vertreten das Unternehmen vor Gericht.

Hoher Bedarf besteht bei Outsourcing-Aktivitäten und bei Unternehmenskäufen, die umfassende Kenntnisse auf der Klaviatur von Individual- und Kollektivarbeitsrecht erfordern. Interessant ist aber auch eine Beschäftigung bei Arbeitgeberverbänden oder Gewerkschaften. Die Schwerpunkte liegen in der Beratung und Vertretung der Mitglieder, insbesondere bei tarifrechtlichen Fragestellungen, aber auch bei Strategiefragen im Tarifrecht und im Betriebsverfassungsrecht. 

Staatliche Instanz: Arbeitsrichter:in am Arbeitsgericht

Die Arbeitsgerichte und ihre Arbeitsrichterinnen und -richter sind als staatliche Instanz in jeder Hinsicht unabhängig. In Güteverfahren und Einigungsstellen wirken gerade sie an der Ausgestaltung des Arbeitslebens und der Sicherung des Betriebsfriedens in Betrieben und Unternehmen maßgeblich mit. 

Arbeitsrechtler in Anwaltskanzleien

Besonders vielseitig ist die Tätigkeit des selbstständigen bzw. angestellten (Fach-)Anwalts für Arbeitsrecht. Jedes Mandat erfordert die Entwicklung einer individuellen Vorgehensweise und Strategie, die sich nach den Wünschen und Zielen des Mandanten, seien es Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, ausrichten.

Die Tätigkeiten reichen von Beratungsgesprächen, Vertragsgestaltungen bei Begründung und Beendigung von Arbeits- und Dienstverhältnissen bis hin zur Vertretung bei außergerichtlichen Einigungsstellenverfahren mit Betriebsräten oder gerichtlichen Verhandlungen. Der Fachanwaltstitel „Arbeitsrecht“ eröffnet vielfältige Chancen der Mandatswahr­nehmung.

Weitere wichtige Qualifikationen für Arbeitsrechtler

Soft Skills

Neben der juristischen Kompetenz ist gerade im Arbeitsrecht die zwischenmenschliche Kommunikation ein wichtiger Faktor, der keineswegs unterschätzt werden darf. Der Anwalt muss ein hohes Maß an Kreativität, Fingerspitzengefühl, Empathie und Verhandlungsgeschick einbringen. Nachvollziehbar entwickeln sich z. B. bei Kündigungen, Massenentlassungen oder Abmahnungen auf Arbeitnehmerseite Emotionen und Ängste.

Es geht um verletzte Gefühle, gekränkten Stolz, Enttäuschung und die Angst vor Arbeitslosigkeit verbunden mit der Sorge um sozialen und gesellschaftlichen Abstieg. Hier muss der Mandant oftmals nicht nur rechtlich beraten, sondern auch emotional gestützt werden.

Es muss gelegentlich, so schwer es auch fällt, seitens des Anwalts kommuniziert werden, dass eine Situation menschlich „unschön“ oder „ungerecht“ erscheinen mag, jedoch rein juristische Hilfe nicht zum Ziel führt. Gerade in solchen Situationen ist Verhandlungsgeschick des Arbeitsrechtlers gefordert. 

Mediation

Hilfreich kann insoweit eine Ausbildung zum Mediator bzw. die Beschäftigung mit Mediationstechniken sein. Die Wirtschaftsmediation erfreut sich immer größerer Beliebtheit, besteht doch oftmals ein großes Interesse der Beteiligten im Arbeitsleben, einen Rechtsstreit außergerichtlich beizulegen. 

Fazit

Das Arbeitsrecht bietet Berufseinsteigern ein abwechslungsreiches, und praxisnahes Gebiet. Es ist die Basis der materiellen Lebenssicherung für Millionen Menschen in Deutschland. Arbeitsrecht ist mehr als Subsumtion von Sachverhalten, es erfordert sozial verantwortliches Handeln.

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