Praktikum in der Anwaltskanzlei – Die perfekte Praxisstation im Jura-Studium?

Jura-Studierende in Hessen sind dazu verpflichtet, während des Studiums drei Praktika zu absolvieren. Lediglich eines davon muss bei Gericht absolviert werden. Die anderen beiden Stationen sind frei wählbar. Bei den vielen interessanten Möglichkeiten fällt die Auswahl schwer. Unsere Autorin hat sich dazu entschieden, diese zwei Praktika bei verschiedenen Rechtsanwälten in eher kleinen Kanzleien zu absolvieren. Welche Erfahrungen sie gemacht hat, liest du hier.

Studentin sucht Praktikum in Kanzlei – Wie alles begann …

Hinein ins “echte” Berufsleben. Miterleben, wie es in einer Anwalts-Kanzlei zugeht und am besten auch praktische Erfahrung sammeln: das waren meine Erwartungen an mein Pflichtpraktikum in einer Kanzlei. Ganz bewusst habe ich mir dafür kleine Kanzleien ausgesucht. In einem überschaubaren Team von Anwälten würden der persönliche Kontakt besonders groß geschrieben und die Einblicke für mich als Neuling umfassender und intensiver sein – soweit jedenfalls meine Vorstellung. 

Bereits bei der Suche nach einem Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei hat sich diese Hoffnung absolut erfüllt. Denn wer zu einer Großkanzlei möchte, muss hierfür eine formelle Bewerbung schreiben und womöglich längere Zeit auf eine Antwort und ein Vorstellungsgespräch warten.

In meinem Fall aber genügte im ersten Schritt der Bewerbung ein Anruf, um in Erfahrung zu bringen, ob ich ein Praktikum in der jeweiligen Kanzlei machen könnte. Unkompliziert wurde ein kurzes Vorstellungsgespräch vereinbart. Dabei ging es hauptsächlich darum, sich gegenseitig kennenzulernen und zu schauen, ob man auf derselben Wellenlänge ist.

Juristisches Praktikum:
Ab zu den Anwälten – Der erste Tag 

Im Handumdrehen war es dann auch schon soweit: Mein erster Tag als Praktikantin in der Kanzlei stand bevor. Anfängerfehler? Gehören wohl dazu. Was mich betrifft, so hatte ich keine Ahnung, wie ich mich kleiden sollte. Nach langem Überlegen machte ich mich in einer Mischung aus “Casual” und Office-Schick auf den Weg. Das Grübeln hätte ich mir sparen können, denn meine normale Alltagskleidung hätte genügt.

Am ersten Tag hatte ich nicht viele Aufgaben zu erledigen, sondern durfte erstmal in den Kanzleialltag reinschnuppern und sogar direkt zu einem Erstgespräch mit einem Mandanten mitkommen.

Mandantengespräche miterleben – Eine wertvolle Praxiserfahrung

Die Teilnahme am Mandantengespräch zählt zu den großartigen Chancen während eines Praktikums in einer Kanzlei. Als Jura-Studierende ist man zu diesem Zeitpunkt vielleicht zum ersten Mal in dieser typischen Berufssituation mit dabei – und ich habe das gleich mehrfach erleben können. Was ich dabei gelernt habe: Menschen sind verschieden. Zugegeben, für diese Einsicht braucht man nicht unbedingt das Praktikum in der Kanzlei. Aber es war schon sehr bereichernd, als Praktikantin viele konkrete Beispiele hierfür sammeln zu können. Denn genauso vielseitig wie Menschen sind auch die Mandantengespräche. 

Der eine nutzt den Rechtsanwalt als eine Art Psychologen, vor dem er seine Lebensgeschichte ausbreiten möchte. Der andere betrachtet den Anwalt als seinen persönlichen Peiniger, der ihm nur das Geld aus der Tasche ziehen möchte.

Geschichten, die so nicht der Wahrheit entsprechen können, hört man besonders als Anwalt im Verkehrsrecht oft. Hierbei ist es wichtig, die objektive, juristisch relevante Wahrheit herauszufinden, um sich die beste Verteidigungsstrategie für den Mandanten überlegen zu können. Denn was einem selbst unlogisch vorkommt, wird auch dem Richter oder Staatsanwalt nicht geheuer sein. 

Im Bereich des Strafrechts wollen sich viele den Anwalt vorher sparen und beginnen, dem Staatsanwalt selbst auf dessen Schreiben zu antworten. Meist verschlimmert sich hierdurch eher die Lage und am Ende bleiben die Mandanten auf höheren Kosten sitzen als ihnen lieb ist.

Hausbesuche bei Mandanten? Auch das kommt ab und an vor. In der Regel geht es dabei darum, sich als Anwalt ein Bild von der Lage zu machen. Zum Beispiel, wenn man eine Familie nach einem Wasserrohrbuch gegen eine Versicherung verteidigen muss. Als Praktikantin den Anwalt bei solchen Terminen zu begleiten, ist hochinteressant und lehrreich. Man sieht aus nächster Nähe, wie vielfältig der Anwaltsberuf ist.

Klassiker im Praktikum beim Rechtsanwalt: Die Besuche bei Gericht 

Als Praktikant*in beim Rechtsanwalt wird dir noch eine andere Sache schon bald vertraut vorkommen: die Besuche bei Gericht. Zum Zeitpunkt meines ersten Kanzleipraktikums hatte ich schon mein Gerichtspraktikum absolviert. Diesmal konnte ich also die Fälle aus der Perspektive der Anwälte betrachten. 

Vor dem eigentlichen Gerichtstermin hat man Einblick in die Akten bekommen und konnte sich so bereits im Vorfeld ein Bild vom Fall machen. Das erste Mal eine Akte in der Hand zu halten und zu erfahren, wie man damit arbeitet. Eine tolle Erfahrung! Man kann die Schriftsätze nachlesen, welche sich die Anwälte gegenseitig zuspielen und in ihre Argumentationsstruktur eindringen. Wenn man sich länger hiermit beschäftigt, wird einem klar, wie sich so etwas aufbaut.

Nach dem Aktenstudium ging es los zum Gericht. Da meine Praktika im ländlichen Raum stattfanden, hatte ich meistens noch eine längere Autofahrt mit dem Anwalt vor mir. Auf dieser hat er mir meistens bereits Informationen über den jeweiligen Richter mitgeteilt. Mal war er glücklich hierüber, mal verärgert. Manche Richter sind eben für ihre besondere Strenge bekannt – das ist nicht nur in Spielfilmen so. 

Eine Sache will kein Anwalt einstecken müssen: Tadel vom Richter. Doch manchmal gibt es genau diesen, etwa weil eine Frist verpasst wurde. Termine im Blick zu behalten, ist in erster Linie Aufgabe der Rechtsanwaltsgehilf*innen.

Auch in deren Arbeit erhält man während des Kanzleipraktikums, gerade in einer kleinen Kanzlei, einen sehr guten Einblick. Das Büro-Team ist eben nicht nur für das Kochen von Kaffee zuständig, sondern muss die gesamte Organisation im Auge behalten. Der Wert eines guten Teams ist mir während des Praktikums beim Anwalt auf jeden Fall noch einmal deutlicher geworden.

Praktikum bei Rechtsanwalt: Diese Aufgaben können dich erwarten

Während meines ersten Praktikums beim Rechtsanwalt war ich vor allem als Zuschauerin im Alltag in der Kanzlei dabei und konnte wenig selbst machen. Das war schon schade, denn mit mehr Praxisbezug hätte ich aus dieser Station auch mehr für mein späteres Berufsleben mitgenommen. 

Entschädigt wurde ich dafür bei meinem zweiten Praktikum in einer Kanzlei. Hier war meine aktive Mitarbeit erwünscht. Zu meinen Aufgaben zählte vor allem das Verfassen von Gutachten vor Prozessbeginn. Zugegeben, das kam mir manchmal ein wenig sinnlos vor. Denn der Sachverhalt war nie so klar definiert wie ich es aus der Uni gewohnt war. Deshalb hat sich im Verlauf immer wieder einiges geändert. Jedoch war das Schreiben von Gutachten eine gute Übung für den universitären Stoff.

 So nutzt du dein Praktikum in der Kanzlei optimal 

Abschließend habe ich noch einen Tipp, mit dem du dein Praktikum in einer Kanzlei optimal nutzt: Sprich mit mindestens einem der Anwälte über dessen individuelles Profil und das Thema Weiterbildungen. Das zeigt dir, welche Möglichkeiten es in dem Beruf gibt und wie man ans Ziel gelangt. Ich habe die Gelegenheit genutzt, mich mit einem Fachanwalt für Verkehrsrecht zu unterhalten. Er berichtete mir zum Beispiel, was man tun muss, um seinen Titel als Fachanwalt zu behalten. Anders als der eigentliche Anwaltstitel, den man einmal erlangt und immer behält, muss man sich als Fachanwalt stetig weiterbilden. Dazu gehört zum Beispiel das Anschauen von Videos und ein anschließender Test. So wird sichergestellt, dass sich der Fachanwalt über die neueste Rechtsprechung und andere Änderungen auf dem Laufenden hält.

Warum ich wieder ein Praktikum in einer kleinen Anwaltskanzlei machen würde 

Mein Fazit: Ich würde die Wahlstationen im Jura-Studium immer wieder für ein Praktikum beim Rechtsanwalt nutzen. Und ebenso würde ich mich wieder ganz bewusst für eine Praxiserfahrung in einer kleinen Kanzlei entscheiden. Im Vergleich zu Kommiliton*innen, die für ihr Praktikum in Großkanzleien gingen, hatte ich viel mehr Freiheiten.

Ich konnte wählen und mir ausschließlich die für mich interessanten Aspekte des Berufsalltags ansehen und praktische Erfahrungen in den Bereichen sammeln, die mir wichtig waren. Wenn nichts Interessantes anstand, hatte ich auch mal einen freien Tag. Dies hat es mir ermöglicht, zugleich noch Hausarbeiten für die Uni zu schreiben. Weiterhin hatte ich eine umfassende Betreuung und einen engen Bezug zu dem jeweiligen Anwalt, an den ich mich jederzeit mit Fragen und Anliegen wenden konnte.

Für mich war die Anwaltskanzlei die perfekte Praxisstation. Hoffentlich konnte dir mein Bericht gerade die Besonderheiten kleiner Teams vermitteln – und dich bei der Entscheidung für oder gegen ein Praktikum in einer Kanzlei weiterbringen. 

Karrieremagazin

  • Interview | Junge Frau mit rotem Mikrophon

    Interviews

    Wir fragen Arbeitgeber nach Karrierechancen, Möglichkeiten zur Entwicklung und Aussichten für die Zukunft in ihrem Haus. Lies, was sie uns antworten.

    ➜ Interviews lesen
  • Person hält Schild mit Fragezeichen vors Gesicht | Viele Fragen, viele Antworten

    Referendariat

    Du überlegst wann du dein Referendariat machst? Ob eine parallele Promotion sinnvoll ist? Wie du lernen und Nebenjob vereinbaren kannst? Nützliche Tipps findest du hier.

    ➜ Tipps rund ums Referendariat
  • Zukunft, und Neuanfang | Schreibmaschine mit eingespanntem Blatt "New Chapter"

    Erfahrungsberichte

    Du überlegst, ob du ein Praktikum oder eine Station im Ausland machen sollst, wie der Alltag in einer Kanzlei aussieht oder du das meiste aus einem Pflichtpraktikum herausholst? Die Erfahrungsberichte in unserem Magazin geben Einblicke.

    ➜ Erfahrungsberichte lesen