Über Recht und Gerechtigkeit – Einblicke in die Arbeit des Law&Legal e. V.

Law&Legal ist eine studentische Rechtsberatung mit Standorten in Bayreuth, Berlin, Frankfurt am Main, Halle, Hamburg, Heidelberg, Leipzig, München und Tübingen. Ehrenamtliche Mitarbeiter:innen helfen Menschen, die sich eine konventionelle Rechtsberatung nicht leisten können, bei rechtlichen Fragestellungen.

Ein Polizist auf der Gegenseite: kein alltägliches Mandat

Jasmin ist 16 Jahre alt, als sie das Polizeirevier in ihrer Heimatstadt Dessau betritt. Sie ist nervös. Mit Bettlaken hat sie sich gerade aus dem Fenster ihrer Wohnung abgeseilt, um der häuslichen Gewalt ihres Stiefvaters zu entkommen. Wird sie hier die erhoffte Unterstützung erhalten? Ganz intuitiv vertraut sie darauf. Die Polizei ist Freund und Helfer – das hat man ihr beigebracht.

Deshalb hinterfragt sie auch nicht, als der Polizist sie nach dem Gespräch auffallend lange umarmt und ihr seine private Telefonnummer zusteckt. Die Ereignisse der darauffolgenden Tage und Wochen werden später in einem braun getäfelten Gerichtssaal im Landgericht Dessau-Roßlau aufgearbeitet.

Der Polizist, zum Tatzeitpunkt 56 Jahre alt, wird am Ende des Verfahrens wegen sexueller Nötigung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht betont die besondere Verwerflichkeit der Tat, weil der Täter sowohl die Krisensituation der jungen Schülerin als auch das besondere Vertrauen, welches ihm aufgrund seiner Stellung als Polizist entgegengebracht wurde, ausgenutzt hat.

Auch aus diesem Grund wird Jasmin im Wege eines Adhäsionsverfahrens (1) ein Schmerzensgeld zugesprochen. Als sie den Täter zur Zahlung auffordert, erhält sie jedoch keine Antwort. Was ist jetzt zu tun? Welche Möglichkeiten sieht das Rechtssystem in solchen Fällen vor? Jasmin ist überfordert. Ohnehin will sie die ganzen Vorkommnisse einfach nur hinter sich lassen. Sie ergreift keine weiteren Maßnahmen. Der Schmerzensgeldanspruch gerät in Vergessenheit.

Einige Jahre später: Eine Journalistin von TRU Doku, einem Format, das junge Protagonist:innen ihre Geschichten aus eigener Perspektive erzählen lässt, kontaktiert Jasmin, um mit ihr über die Tat zu sprechen. Es entsteht eine Dokumentation über die Geschehnisse, Jasmins Kampf um Glaubwürdigkeit und über die beeindruckende Art und Weise, wie die junge Frau gelernt hat, mit allem umzugehen (2).

Auch über den Schmerzensgeldanspruch wird gesprochen. Ist dieser schon verjährt? Nach einer kurzen Internetrecherche entschließt man sich dazu, Law&Legal zu kontaktieren. Wir sollen Jasmin bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und der Durchsetzung ihres Anspruches unterstützen.

Beratungsspektrum und Zielsetzung des Vereins

Derart bewegende Sachverhalte bilden in unserer Beratungstätigkeit die Ausnahme. In der Regel sind es Menschen wie Jana, die 18-jährige Auszubildende, deren gebraucht gekauftes iPhone nach weniger als zwei Monaten nicht mehr funktioniert, oder der Maschinenbaustudent Mohammed, dessen Betriebskostenabrechnung sich auf einen Schlag vervierfacht hat, die sich rechtssuchend an uns wenden.

Was diese Personen jedoch eint: Sie würden aller Voraussicht nach keine konventionelle Beratung durch eine Anwältin oder einen Anwalt in Anspruch nehmen. Zu groß erscheint die Hemmschwelle. Schließlich geht es ja auch nur um vergleichsweise geringe Beträge. Ohnehin lassen BAföG-Satz, Ausbildungsvergütung oder Inflation häufig keinen finanziellen Raum für eine anwaltliche Beratung, bei der selbst für ein erstes Beratungsgespräch eine dreistellige Rechnungssumme erwartet werden muss.

Entsprechende Umstände begründen nicht selten eine Diskrepanz zwischen Rechten, die einem nach der Rechtsordnung zustehen, und der tatsächlichen Wahrnehmung dieser Rechte. Denn wie auch Jasmin schmerzlich feststellen musste, bedeutet selbst eine titulierte Forderung noch lange kein Geld auf dem Konto. Eine Mängelrechte begründende Sachlage führt nicht automatisch zu einer Reparatur des unerkannt beschädigt gekauften Smartphones.

Das Recht gewährleistet nicht per se Gerechtigkeit – das gilt ganz besonders für Menschen, die sich in prekären Lebensumständen befinden. Hier kommen wir ins Spiel: Durch unentgeltliche und ehrenamtliche Beratung von hilfsbedürftigen Menschen versuchen wir, die Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit zu verringern.

Im Jahr 2011 nach dem Vorbild der amerikanischen Law Clinics gegründet, engagieren sich mittlerweile über 1.000 Student:innen, Referendar:innen und Doktorand:innen an neun Standorten von Law&Legal e. V. Damit sind wir die größte studentische Rechtsberatung in Deutschland und können jedes Jahr hunderte von Fällen erfolgreich beraten und hierdurch unsere Gesellschaft – Einzelfall für Einzelfall – etwas gerechter gestalten.

Arbeitsweise einer studentischen Rechtsberatung

§ 6 Abs. 2 RDG ist die rechtliche Grundlage für unsere Arbeit als studentische Rechtsberatung. Demnach dürfen wir unentgeltliche Rechtsdienstleistungen anbieten, sofern wir sicherstellen, dass der gesamte Beratungsprozess durch anleitende Volljurist:innen begleitet und unterstützt wird. Aus diesem Grund arbeiten wir Hand in Hand mit verschiedenen kleinen und großen Kanzleien zusammen.

Dank dieser Kooperationen können wir für unsere Mitglieder regelmäßig hochqualitative Workshops mit Bezug zur Beratungstätigkeit anbieten, wie beispielsweise Workshops zur Schriftsatzerstellung oder zum Thema Dispute Resolution (Streitbeilegung).

Vielfach sind die Workshops überregional konzipiert und werden so von Mitgliedern aus verschiedensten Standorten besucht. Das ermöglicht nicht nur spannende Einblicke in die Arbeit und Fälle anderer Standorte, sondern fördert darüber hinaus den Austausch zwischen unseren Mitgliedern und bietet ganz nebenbei einen trefflichen Anlass, eine neue Stadt zu erkunden.

Von der Arbeit von Law&Legal profitieren daher nicht nur unsere Mandant:innen, sondern auch unsere Mitglieder selbst. Sie können bereits während ihres Studiums erste praktische Erfahrungen in der Rechtsberatung sammeln, sich fachlich weiterbilden und zeitgleich Kontakte zu anderen interessierten Nachwuchsjurist:innen knüpfen. Dieses Netzwerk ist neben unserer Beratungstätigkeit das, was den Verein im Kern ausmacht. Zu all dem kommt die ehrliche Dankbarkeit unserer Mandant:innen. So wurde mir zuletzt beim freudestrahlenden Gesicht von Jasmin, als sie von der Durchsetzbarkeit des Schmerzensgeldanspruchs und den zusätzlichen Verzugszinsen erfuhr, bewusst, warum ich meine knappe Freizeit für Law&Legal einsetze.

Engagement gesucht!

Hast auch du Lust auf ein Engagement bei Law&Legal bekommen? Wir suchen jeweils im Frühjahr und Herbst motivierte Berater:innen, die sich mit unseren Vereinszielen identifizieren können und erste Praxisluft in der Rechtsberatung schnuppern wollen.

Weitere Informationen zu unserem Verein und den aktuellen Bewerbungsphasen können unserer Website (https://lawandlegal.de) entnommen werden. Sie sind schon als Volljurist:in tätig? Umso besser: Wir freuen uns jederzeit über neue Kooperationen und Partnerschaften. Setzen Sie sich gerne mit uns in Verbindung.

Dieser Artikel erschien zuerst im mylawguide 2023, dem Karrierehandbuch für Juristinnen und Juristen.

Josua Zimmermann
Autor
Josua Zimmermann

Josua Zimmermann ist Standortleiter bei Law&Legal am Standort Halle. Er promoviert am Lehrstuhl von Prof. Henning Rosenau (Strafrecht, Strafprozessrecht und Medizinrecht) an der Universität Halle-Wittenberg.