Die Geschichte der irischen Teilung | Die Historie des Nordirlandkonflikts

Die innerirische Grenze hat ein enormes Konfliktpotenzial. Nicht nur war und ist sie ein Kernproblem im Brexit. Auch schüren immer wieder gewaltsame Ausschreitungen die Angst vor einer Rückkehr der Gewalt in Nordirland. Zweifellos ist die irische Teilung bis heute prägend für die „grüne Insel“. Doch was sind eigentlich ihre Wurzeln und Hintergründe? Wir erklären verständlich, warum die Situation so kompliziert ist.

Ziel dieses Beitrages

Der Konflikt in Nordirland ist ein heikles Thema. Seine vielen Facetten kann man ihn in einem solchen Blogbeitrag eigentlich nicht ansatzweise gebührend darstellen. Trotzdem möchte ich genau das versuchen. Warum?

Seit 2008 bin ich mindestens einmal im Jahr in Irland. Dort habe ich viele geschichtsträchtige Orte besucht und auf beiden Seiten der Grenze stets gastfreundliche und unglaublich liebenswerte Menschen kennengelernt. Daher ist es mir ein Anliegen, für ein erweitertes Verständnis des Konfliktes zu sorgen, der vielen Menschen sicherlich nur in Form negativer Schlagzeilen präsent ist. Dieser Artikel stellt keine Beurteilung oder Wertung dar, sondern erläutert die historischen Hintergründe und aktuellen Sorgen.

Der historische Ursprung des Nordirlandkonfliktes

Hört man vom Nordirlandkonflikt – die Iren selbst sprechen übrigens mit einem gewissen Understatement von den „Troubles“ – haben wohl die meisten Menschen sofort Bilder aus den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts im Kopf: Soldaten und maskierte Paramilitärs, Stacheldraht und Panzer. Der Ursprung des Konfliktes ist aber noch viel älter. Um genau zu sein: Jahrhunderte älter.

Die normannische Eroberung

Irland und England sind Nachbarn, die nur durch die irische See getrennt sind. Lange Zeit beeinträchtigten die Nachbarn sich im Wesentlichen kaum. Doch das sollte sich ändern: Im Jahr 1169 kam es unter päpstlicher Billigung zum Beginn der anglonormannischen Feldzüge in Irland. Auslöser war der vertriebene Kleinkönig von Leinster, Diarmuid Mac Murchadha Caomhánach, der mit Unterstützung des englischen Königs Heinrich II. sein Reich zurückerobern wollte. Einige Barone der Welsh Marches sagten ihre Unterstützung zu. Nach ersten Angriffen 1169 folgte schließlich die Unterstützung einer Streitmacht von Richard Strongbow. Ein Teil Leinsters und Dublin konnten von den Engländern erobert werden. Während der folgenden Jahrhunderte war die englische Herrschaft in Irland mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Aber immer waren Teile Irlands unter englischer Gewalt. Am Ende der normannischen Eroberung blieb schließlich nur die Region um Dublin fest in englischer Hand.

Der Start der Plantations

Die sogenannten Plantations, wortwörtlich „Anpflanzungen“ können erstmalig auf den Beginn der 1540er Jahre datiert werden. In dieser Zeit wurden die ersten englischen Siedler gezielt in Irland angesiedelt. Doch die Iren, die sich damals in erster Linie ihren jeweiligen Clans verbunden fühlten, leisteten Widerstand dagegen. Die Aufstände unter Hugh O’Neill, 2. Earl of Tyrone  (ein County im heutigen Nordirland) waren dabei die wohl bekanntesten. O’Neill schaffte es, Irland gegen die Engländer zu vereinen und gegen diese in den Krieg zu ziehen. England ging jedoch siegreich aus dem Konflikt hervor.

Da die Regionen des heutigen Nordirland als eine der Keimzellen gegen die englische Herrschaft gesehen wurden, kam es ab 1609 in der Provinz Ulster zur Ansiedlung englischer und schottisch-presbyterianische Siedler. Diese sollten die englische Vorherrschaft sichern und verhindern, dass es aus dieser Richtung jemals wieder zu Aufständen kommt. Nordirland wurde also vom Ausgang des Widerstandes zum Zentrum der englischen Herrschaft.

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die alte irische Bevölkerung dem katholischen Glauben angehörte und die Siedler dem anglikanischen Glauben. Die Religion stellt aber nicht den Hauptgrund für den Konflikt dar. Der Grundstein des Konfliktes liegt vielmehr im sozialen Gefälle zwischen den angesiedelten – zumeist wohlhabenden – Engländern und Schotten und den meist ärmlicheren irischen Bauern.

Ebenfalls 1613 unterstellte man die irische Stadt Derry direkt der englischen Stadt London und benannte sie in Londonderry um. Katholische Iren bezeichnen sie aber immer noch als Derry. Alleine an dieser unterschiedlichen Benennung zeigen sich bis heute die Spuren der Plantations auch für Außenstehende deutlich. Die Keimzelle des heutigen Nordirlands liegt also bereits circa 400 Jahre zurück.

Englischer Bürgerkrieg und Wilhelm von Oranien

Im englischen Bürgerkrieg erwiesen sich die Iren als königstreu und dem katholischen Glauben zugewandt. Sie wehrten sich gegen die Herrschaft der englischen Republik. Oliver Cromwell setzte jedoch mit seinen Truppen nach Irland über und ließ den Aufstand erbarmungslos niederschlagen. Aufgrund der Brutalität – unter anderem wurde die Bevölkerung ganzer Städte getötet und deportiert – wird Cromwell in der Republik Irland bis heute als eine äußerst negative Figur in der Geschichte betrachtet.

Weil die englische Republik Probleme mit der Besoldung ihrer Truppen hatte, bot sie den Soldaten zur Kompensation Grundstücke in Irland an, hauptsächlich in Ulster. Auch hierdurch verschärfte sich der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen und auch hieran wird sich immer noch in Nordirland von beiden Seiten– wenn auch in unterschiedlicher Form – erinnert.

Nach der Wiederherstellung der Monarchie in England bekannte sich schließlich Jakob II. zum katholischen Glauben. Er wurde als König ab- und durch Wilhelm von Oranien ersetzt. Von Wilhelm von Oranien rührt auch das Orange in der irischen Flagge her, welches für die Protestanten Irlands steht, neben dem Grün für die Katholiken und dem Weiß, welches für den Frieden zwischen den Konfessionen steht.

Jakob II. versuchte von Irland und mit Unterstützung der katholischen Iren, den englischen Thron wieder zu erobern. Dabei unterlag er aber am Boyne-Fluss den Truppen von Wilhelm von Oranien. Dieser Schlacht wird heute noch bei den Märschen in Belfast durch protestantische Gruppen gedacht. Man kennt diese Märsche aus dem Fernsehen und nicht selten ist dabei zu sehen, wie sich die beiden Seiten gegenseitig provozieren und es zu Straßenschlachten kommt.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass im Anschluss an die Ereignisse betreffend Jakob II. und Wilhelm von Oranien Restriktionen gegen die irische Bevölkerung eingeführt wurden: die sogenannten Penal Laws. Eine nationale Versöhnung, wie sie heute oft versucht wird, gab es damals nicht.

Union mit England, Hungersnot und Aufstände

Nach weiteren irischen Rebellionen kam es im Jahr 1801 schließlich zur Abschaffung des irischen Parlamentes durch den „Act of Union“. Das Vereinigte Königreich nannte sich von nun an „Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Irland“. Prägend für das Verhältnis von Irland und England war in der Folge auch die große Hungersnot von 1846-1849: Millionen Iren starben oder wanderten aus – während England praktisch keine Hilfe leistete.

In der Zwischenzeit kam es immer wieder auch zu Rebellionen gegen die englische Herrschaft in Irland. Eine besonders wichtige Bewegung war die sogenannte „Home Rule League“, die sich für die Home Rule in Irland einsetzte – das heißt, die Forderung nach Selbstverwaltung in Irland. Auf unionistisch-protestantischer Seite, d.h. überwiegend in Ulster, wurde dies abgelehnt. Im entfernteren Sinne vergleichbar ist die Home Rule mit der heutigen Devolution Gesetzgebung in Wales, Schottland und Nordirland.

Nach mehreren gescheiterten Anläufen und massivem Widerstand aus Ulster wurde die Home Rule 1914 verabschiedet und Irland eine Verfassung und Selbstverwaltung zugestanden. Doch der Ausbruch des ersten Weltkrieges verhinderte, dass diese vollständig umgesetzt wurde.

Easter Rising, Unabhängigkeitskrieg und der Treaty

An Ostern 1916 kam es schließlich zum sogenannten „Easter Rising“. Paramilitärische Gruppen wie die Irish Volunteers besetzten u.a. in Dublin verschiedene strategisch wichtige Punkte und riefen die Republik aus. Die englische Reaktion erfolgte mit aller Härte. Innerhalb einer Woche wurde das Rising niedergeschlagen und die Rädelsführer des Aufstandes hingerichtet. Durch die harsche englische Reaktion erlangten die Hingerichteten in der Zivilbevölkerung Heldenstatus.

Bei den Wahlen zum britischen Unterhaus erlangte die Partei Sinn Féin, die mittlerweile die republikanische Bewegung repräsentierte, einen Großteil der Mandate. Sie gründete das First Dáil, das erste irische Parlament.

In Nordirland wurde dies von der unionistischen Seite mit großer Sorge gesehen. Ab 1919 kam es schließlich zum Guerilla-Krieg in Irland gegen England, der 1921 zum anglo-irischen Vertrag, dem sogenannten Treaty, führte, der für 26 der 32 Countys die Unabhängigkeit von Großbritannien bedeuten sollte.

Die 26 Countys bildeten den Irish Free State. Die restlichen sechs Countys bilden das heutige Nordirland, welches sich weiterhin für die Union mit dem Vereinigten Königreich entschieden hatte. Es folgte schließlich der irische Bürgerkrieg im Free State, da Teile der bis dahin vereinigt gegen England kämpfenden IRA sich nicht mit dem Treaty einverstanden zeigten.

Der Free State konnte den circa ein Jahr dauernden Krieg, der mehr Opfer als der Unabhängigkeitskrieg fordern sollte, 1923 für sich entscheiden. 1949 wurde der Free State schließlich doch zur Republik und trat aus dem Commonwealth aus.

Die Troubles

Das Jahr 1966 und die Neuformierung der Ulster Volunteer Force, einer protestantischen paramilitärischen Gruppe, werden häufig als Ausgangspunkt der sogenannten „Troubles“ genannt. Die protestantische Seite hatte sich durch Gesetzgebung die Mehrheit im Parlament gesichert und bevorzugte ihre Schützlinge. 1966 gab es dann die Angst, dass es zum 50jährigen Jubiläum des Easter Rising wieder zu Spannungen kommt. Dies wird als der Beginn der Gewaltspirale von beiden Seiten gesehen. Zwischendrin kam es dabei auch zur Auflösung des nordirischen Parlamentes und der Direct Rule von London. Der Konflikt zwischen Unionisten und Republikanern forderte mehrere tausend Todesopfer und ging als einer der blutigsten in die Geschichte ein.

An dieser Stelle soll nunmehr nicht auf einzelne Ereignisse eingegangen werden. Es lässt sich aber festhalten, dass es während der „Troubles“ zwei Interessenlager gab, die noch heute bestehen: Die irische-republikanische Seite, die eine Vereinigung mit dem Süden der Insel anstrebt und die unionistische Seite, die den Status quo als Teil des Vereinigten Königreichs beibehalten will.

Das Karfreitagsabkommen

Das Karfreitagsabkommen von 1998 sorgte schließlich vorerst für Frieden in Nordirland. Auch die katholische Seite wurde in die Arbeit des Parlamentes einbezogen: so ist im Abkommen vereinbart, dass immer von beiden Seiten die Macht geteilt wird, d.h. das Amt des Regierungschefs und des Vizeregierungschefs nicht in einer Hand, entweder der protestantischen oder katholischen Seite, liegen kann.

Ebenfalls verzichtete die Republik Irland in der Verfassung auf ihren Anspruch auf Nordirland und es wurde anerkannt, dass die aktuelle Mehrheit in Nordirland Teil des Vereinigten Königreichs bleiben will, die Mehrheit auf der irischen Insel aber für ein Vereintes Irland ist. Entscheidet sich eine Mehrheit in Nordirland für eine Vereinigung mit der Republik Irland, wird das Vereinigte Königreich dies aber akzeptieren.

Eine Reihe weiterer Vereinbarungen, wie die Entwaffnung der Paramilitärs auf beiden Seiten, erfolgte ebenso. Sehr wichtig für das Verständnis des Karfreitagsabkommens ist, dass die gesamten geschichtlichen Ausführungen, die hier gemacht wurden, Teil der Auseinandersetzung während den Verhandlungen mit beiden Seiten waren. Während der Verhandlungen wurde über Ereignisse aus dem 17. Jahrhundert aktiv diskutiert (wobei beide Seiten nicht an einem Tisch verhandelten, sondern sich in getrennten Räumen befanden und der Austausch über Dritte, wie die englischen Vertreter, erfolgte).

Ohne das Hintergrundwissen um den Konflikt und die historischen Ereignisse und wie diese von beiden Seiten interpretiert wurden, gäbe es kein Karfreitagsabkommen. Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich das Buch “Great Hatred, Little Room: Making Peace in Northern Ireland“ des früheren Downing Street Chief of Staff Jonathan Powell, der einer der wichtigsten Verhandler des Abkommens war.

Der Brexit und die Irische Teilung

Aktuell durchlebt Nordirland eine Krise und steht ohne Regierung da. London lehnt aber vor dem Hintergrund des immer noch brüchigen Friedens die Direct Rule ab. Ich selbst bin 2009 zum ersten Mal in Belfast und Nordirland überhaupt gewesen und habe diesen Teil der Insel auch mehrmals besucht und schätzen gelernt. Man sieht überall noch die Spuren der Auseinandersetzungen. Es zeichnet sich bestenfalls zaghaft ab, dass die Wunden des Konflikts so langsam zu heilen beginnen. Doch mitten in diesen Prozess platzte der Brexit.

Die DUP, die nordirische Partei, mit der die Tories eine Koalition im Unterhaus haben, ist dabei strikt gegen die Back-Stop-Lösung, d.h. den Verbleib Nordirlands im Binnenmarkt, bis ein Abkommen mit der EU geschlossen ist. Ulster hat immer noch eine starke englische Prägung, ausgehend von den Plantations im 17. Jahrhundert.

Bei der DUP fürchtet man sicherlich, Einfluss zu verlieren durch eine Schwächung der Union mit Großbritannien und eine Vereinigung mit Irland. Währenddessen besteht auf der republikanischen Seite die Sorge, dass ein „harter“ Brexit das Ziel eines vereinten Irlands in weite Ferne rücken würde. Die republikanische Seite bevorzugt den Back-Stop, bis eine andere Lösung gefunden wird – wenn es nicht doch noch zum Exit vom Brexit kommen sollte.

Fazit

Die irische und die englische Geschichte sind stark miteinander verflochten. Doch zeigen sich massive Gegensätze, die zu Konflikten bis in die heutige Zeit führen. Die jüngsten Unruhen und die Ermordung einer Journalistin lassen befürchten, dass die Gewalt in Nordirland wieder eskalieren wird. Der Brexit, der zwei unterschiedliche Ängste stark berührt, verstärkt diese Sorgen noch. Man kann nur hoffen, dass einige Wenige nicht dafür sorgen, dass der Friedensprozess sich umkehrt und es wieder zu einer Eskalation der Gewalt wie etwa in den Sechziger- und Siebzigerjahren kommt.

Die absolute Mehrheit der nordirischen Bevölkerung möchte keine Gewalt. Um diese jedoch wirklich verhindern zu können, ist auch bei den Entscheidern ein gutes Wissen um die historische Dimension des Konfliktes notwendig. Nur so können beide Seiten adressiert und der Frieden sowie das Karfreitagsabkommen bewahrt werden.

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