Baker McKenzie-Preis 2020 | Interview mit Preisträger Prof. Dr. Jens Gal

„Die Mitversicherung. Das konsortiale Geschäft in der Versicherungswirtschaft im Spannungsfeld von Privatautonomie, Regulierung und Wettbewerb“

Im Mai 2021 hat Baker McKenzie zwei im Fachbereich Rechtswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt entstandene wirtschaftsrechtliche Arbeiten mit dem Baker McKenzie-Preis ausgezeichnet. Seit 1988 vergibt die Anwaltssozietät den mit 6.000 Euro dotierten Preis für herausragende Dissertationen oder Habilitationen.

Unser Autor Falk Schornstheimer sprach mit Prof. Dr. Jens Gal, der den Preis für seine Habilitationsschrift „Die Mitversicherung. Das konsortiale Geschäft in der Versicherungswirtschaft im Spannungsfeld von Privatautonomie, Regulierung und Wettbewerb“ erhalten hat.

Herr Prof. Dr. Gal, Sie beschäftigen sich in Ihrer Habilitation mit dem Spannungsfeld von Privatautonomie, Regulierung und Wettbewerb in der Versicherungswirtschaft. Wie kamen Sie darauf?

Es ist immer schön, wenn einen ein Thema quasi von selbst findet. Ich selbst wanderte in der Themenfindungsphase durch zahlreiche Sujets, bis ich mit der Mitversicherung, also dem konsortialen Geschäft in der Versicherungswirtschaft, ein Thema gefunden habe, das ich für habilitationstauglich erachtete. Für mich war die Mitversicherung sehr schnell eine aufregende Trouvaille: Ein Rechtsinstrument, das durch die Praxis ständig verwandt wird, ohne jedoch hinterfragt zu werden – obwohl es zahlreiche rechtliche Problemen aufwirft.

Was fasziniert Sie an diesem rechtlichen Themenkomplex?

Mich begeistert gerade die unglaublich große Bandbreite an ungelösten Rechtsfragen, die durch die gemeinsame Deckung eines Risikos durch mehrere Versicherer eröffnet werden. Die Mitversicherung erfordert spezielle Aufmerksamkeit in nahezu allen Bereichen des Rechts – vom Versicherungsaufsichtsrecht zum Kollisionsrecht, über das Steuerrecht bis hin zum Kartellrecht und in sämtlichen Verästelungen des Schuldrechts.

Wann und wie ist der Wunsch, sich zu habilitieren entstanden?

Der Wunsch entstand im Rahmen meiner Promotion und der damit verbundenen Tätigkeit am Lehrstuhl meines Doktorvaters, Prof. Dr. Manfred Wandt.

Wie sind Sie schließlich zum fachlichen Thema gekommen? Haben Ihr Doktorvater Prof. Dr. Manfred Wandt und seine Forschung Einfluss auf die Wahl gehabt oder waren andere Faktoren ausschlaggebend?

Die Forschung meines Doktorvaters war von daher sicherlich impulsgebend, als ich mich bei meiner Promotion vor der Suche nach einem Doktorvater für ein recht spezielles Thema im Schiedsverfahrensrecht entschieden hatte, nämlich die zivilrechtliche Haftung des Schiedsrichters. Erst durch meine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter kam ich neben der Arbeit an meiner Promotion zum Versicherungsrecht. Für die Habilitation wählte ich dann gezielt ein Thema, das mein Doktorvater und Betreuer meiner Habilitation nicht intensiv bearbeitet hatte. Ich kann es nur empfehlen, möglichst ein eigenes Thema zu finden, das nicht vorgegeben wurde – auch gerade im Hinblick auf unvermeidliche Durststrecken während der Promotion.

Mit welchen Erwartungen sind Sie an Ihre Habilitationsschrift gegangen? Welche haben sich als eher falsch, welche als eher richtig herausgestellt?

Meine ursprüngliche Erwartung war, dass sich die Habilitationsschrift ähnlich zügig fügen würde wie meine Promotionsschrift. Dies stellte sich als Trugschluss heraus. Obwohl auch meine Promotionsschrift eher breit angelegt war, waren die Anforderungen an die Habilitationsschrift deutlich höher. Es war eine Herausforderung, die ich stark unterschätzt habe, ein kohärentes Konzept der Mitversicherung zu erarbeiten, bei dem keine innerlichen Widersprüche in der Behandlung in den einzelnen Rechtsgebieten entstehen.

Stand die Entscheidung für eine akademische Laufbahn früh für Sie fest oder hat sie sich entwickelt?

Die Idee entstand schon in der Promotionsphase – zunächst als ein möglicher Weg. Wirklich verdichtet hat sich die Entscheidung erst nach meinem Referendariat, wobei mich auch andere Karrierewege sehr gereizt hätten und auch immer noch reizen würden.

Was hat Ihnen zu Beginn Ihrer Arbeit besonders geholfen, sich einzufinden?

Das Exposé und die grobe Gliederung zügig zu erstellen. Ein Projekt dieses Umfangs birgt ansonsten die Gefahr, dass man sehr lange „herumliest“ und die gewonnen Kenntnisse nicht gewinnbar macht, also nicht systematisch erfasst.

Wie muss man sich die Arbeit an einer Habilitationsschrift vorstellen. Gibt es bestimmte Phasen? Wie motiviert man sich auf diesem langen Weg?

Ja, man kann wohl von Phasen sprechen. Im Optimalfall gibt es eine Findungsphase, die auch schon eine erste Lektürephase beinhaltet, darauf folgt eine Strukturierungsphase, anschließend eine erste große Kopier- und intensive Lesephase. Man sollte jedoch möglichst schnell ein System finden, in dem man das Gelesene für die spätere Schreibphase nutzbar macht. Es folgt die Schreibphase, wobei man gerade bei Spezialthemen oft wieder größere Lesephasen einplanen muss. Ob man auch laufend kleine Lektorats- und Korrektoratsphasen einlegt, ist wohl Geschmackssache. Die größte Herausforderung ist die eigene Motivation. Hier hilft am besten, Gewohnheiten zu etablieren und ein gutes Zeitmanagement. Man muss es letztlich mit dem Maler des antiken Griechenlands Apelles halten: Nulla dies sine linea (kein Tag sei ohne Linie)! Bei mir hat das leider nicht immer funktioniert.

Was hat Ihnen bei der Erstellung der Habilitationsschrift besonders gefallen? Was waren Ihre „Forscher-Highlights“?

Am schönsten ist es wohl immer, wenn man nach längerer Blockade ein Rechtsproblem so „gelöst“ hat, dass es sich fugenlos in das eigene Gesamtkonzept fügt. Wenn also aus dem manchmal frustrierenden „Klein-Klein“ auf einmal das Ganze, das Große sichtbar wird. Besonders schön war aber natürlich auch, als mir die Verleihung des Baker McKenzie-Preises mitgeteilt wurde, da es doch immer eine besondere Freude ist, wenn die eigene Arbeit von objektiver und berufener Stelle gewürdigt wird

Gab es Umstände, Hindernisse, Widerstände, die Sie besonders schwierig fanden?

Für mich war es ungleich schwieriger und anstrengender, die Habilitationsschrift zu erstellen als die Dissertation. Hier kam einfach vieles privat und beruflich zusammen, was viel Aufmerksamkeit und Zeit verlangte. Meine Habilitationsschrift ruhte daher gerade in der ausufernd langen Anfangsphase oft wochenlang. Besonders meine Position als Juniorprofessor hat sehr viel Zeit gebunden.


Welchen Rat würden Sie jungen Nachwuchswissenschaftler:innen auf dem Weg in eine akademische Laufbahn geben?

Ich würde jedem raten, der mit dem Gedanken an eine akademische Laufbahn spielt, dies gut abzuwägen. Es ist ein durchaus steiniger Pfad, dessen Ziel zudem im Nebel der Ungewissheit liegt. Gleichzeitig ist die universitäre Tätigkeit ausgesprochen abwechslungsreich und lohnend. Gerade die Abwechslung von Forschung und Lehre, die Freiheit, eigene Interessen und Überzeugungen recht bedingungslos folgen zu können, und die intellektuellen Impulse im akademischen Umfeld sind einmalig. Da sich aber zumindest für Jurist:innen zahlreiche andere spannende Tätigkeitsfelder eröffnen, sollte man die Entscheidung für eine akademische Karriere nicht über das Knie brechen.

Über Baker McKenzie

Als eine der führenden deutschen Anwaltskanzleien berät Baker McKenzie nationale und internationale Unternehmen und Institutionen auf allen Gebieten des Wirtschaftsrechts. In Deutschland vertreten rund 200 Anwälte mit ausgewiesener fachlicher Expertise und internationaler Erfahrung die Interessen ihrer Mandanten an den Standorten Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/Main und München. Baker McKenzie ist regelmäßig auf den Karrieremessen von IQB und Myjobfair vertreten.

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