Auslandssemester in Südkorea: Ein Erfahrungsbericht aus dem Jurastudium

Südkorea klingt weit weg – und ist es auch. Aber der Alltag dort ist einfacher als gedacht. Ein Erfahrungsbericht über günstiges Wohnen, englischsprachige Kurse und Momente, die im Jurastudium sonst nicht vorkommen.

Warum du als Jurastudent:in unbedingt nach Korea gehen solltest

Jura studieren bedeutet oft Bibliothek, Paragraphen und das Staatsexamen im Nacken. Genau deshalb wollte ich raus. Nicht London, nicht Wien, sondern einmal wirklich weit weg. Also Südkorea.

Als ich mich für ein Auslandssemester an der Catholic University of Korea [1] entschieden habe, hatte ich ehrlich gesagt keine Ahnung, was mich erwartet. Ich wusste nicht, ob ich Anschluss finde, ob ich mich im Alltag zurechtfinde oder ob ich irgendwann einfach nur denke: Was mache ich hier eigentlich? Fünf Monate später kann ich sagen, dass es die prägendste Zeit meines Studiums war. Und vor allem: Es war alles halb so kompliziert, wie ich es mir ausgemalt hatte.

Orga-Chaos? Ehrlich gesagt: halb so wild. 

Ich hatte vorher wirklich Respekt vor dem Papierkram. Visum, Versicherungen, Banknachweise. Ich war innerlich schon auf einen Behörden-Marathon eingestellt (mit viel Warten, wenig Verständnis und noch weniger Überblick). In der Realität war es überraschend entspannt.

Die Partneruni gibt dir eine klare Liste mit allem, was du brauchst. Ein Banknachweis auf Englisch, eine Immatrikulationsbescheinigung, eine Notenübersicht mit Stempel. Mehr Drama ist da nicht. Du schickst alles hin, bekommst die Unterlagen zurück und gehst damit zum KVAC (Korea Visa Application Center) [2]. Dort gibst du alles ab und kannst danach online verfolgen, wie weit dein Visum ist. Ich hatte meins nach knapp zwei Wochen.

Und das Wichtigste: Du fühlst dich nicht verloren. Die Uni nimmt dich wirklich an die Hand.

Wohnen: sehr günstig, leicht gewöhnungsbedürftig

Berlin, schau bitte kurz weg – ich habe für mein Wohnheimzimmer für das gesamte Semester rund 800 Euro gezahlt. Insgesamt! (Ja, ich musste auch zweimal nachrechnen).

Gewohnt habe ich in einem Doppelzimmer in Stephen Hall, auf dem Songsim Campus in Bucheon, dem größten der drei Campusse der Uni, wo der Großteil der Studierenden eingeschrieben ist. Meine Mitbewohnerin kam aus Myanmar, und allein diese Gespräche waren schon ein eigenes kleines Auslandssemester im Auslandssemester.

Was man aber wissen sollte: Das Leben im Wohnheim ist nicht wie in Deutschland. Es gibt eine Ausgangssperre zwischen ein Uhr und fünf Uhr morgens, Zimmerkontrollen und ein Punktesystem. Klingt erstmal nach Internat und am Anfang habe ich das auch so empfunden. Das ist tatsächlich koreanische Normalität, kein Sonderfall der Uni, aber wer aus Deutschland kommt, erlebt es als deutlichen Einschnitt in die gewohnte Autonomie. Dieses Gefühl von „Ich darf gerade nicht, obwohl ich könnte“ ist wirklich ungewohnt.

Einmal waren wir feiern, kamen zurück und standen vor verschlossener Tür. Also haben wir gewartet. Irgendwann lagen wir draußen auf einer Wiese und haben ein bisschen geschlafen, bis wir wieder rein durften. In dem Moment denkt man sich schon: Okay, das ist jetzt wirklich absurd. Im Nachhinein gehört genau so ein Moment aber zu den Erinnerungen, die man erzählt. Man passt sich an. Man schaut öfter auf die Uhr. Man entscheidet sich bewusst, ob man heimgeht oder eben nicht. Und irgendwie wird genau das Teil des Alltags.

Finanzen: überraschend entspannt 

Ich habe ungefähr 1.000 Euro Auslands-BAföG im Monat bekommen und damit kam ich gut klar. Was ich vorher nicht wusste: Die Reisekosten werden oft einfach mit in den monatlichen Betrag eingerechnet. Bei mir waren das ungefähr 150 Euro im Monat zusätzlich, also insgesamt etwa 1.000 Euro für Hin- und Rückflug.

Der Antrag selbst ist wie BAföG eben ist. Viel Papier, viele Nachweise, ein bisschen Geduld. Aber machbar. Am besten schon frühzeitig drum kümmern. Ich habe meinen Antrag beinahe ein halbes Jahr zuvor gestellt. So stellt ihr sicher dass ihr das BAföG rechtzeitig bekommt.

Was wichtig ist zu wissen: Man ist automatisch krankenversichert, was einem auch wieder etwas Organisation abnimmt. Darum muss man sich nicht kümmern, ihr werdet die Informationen dazu direkt von eurer Partneruni vor Ort erhalten.

Alltag: einfacher als erwartet

Ich hatte mir alles komplizierter vorgestellt. Du kannst fast überall mit Karte zahlen, Bargeld brauchst du kaum.

Was du aber wirklich brauchst, ist die T-Money-Card. Ohne sie kommst du im Alltag nicht weit. Du hältst sie beim Ein- und Aussteigen an das Lesegerät und denkst nach ein paar Tagen gar nicht mehr darüber nach.

Gerade wenn man am Wochenende in die Stadt fährt, merkt man schnell, wie selbstverständlich das wird.

Essen und Cafés: ein kleines Glück

Essen gehen in Südkorea = günstiger als kochen (kein Witz) 

Essen gehen ist in Südkorea oft günstiger als selbst zu kochen. Ich habe das am Anfang nicht geglaubt, aber es stimmt: Für ein paar Euro bekommst du komplette Mahlzeiten mit Beilagen und sitzt plötzlich irgendwo, wo du eigentlich gar nicht geplant hattest, zu sein.

Und dann sind da noch die Cafés. Mein Lieblingsort war das Café Orda, direkt gegenüber vom Campus. Im zweiten Stock, leicht zu übersehen. Große Fenster, durch die man einfach auf den Uni-Eingang schauen kann. Ich saß dort oft mit Freunden, manchmal aber auch allein. Es lief immer leise Musik, die Atmosphäre war ruhig und irgendwann kennt man die Menschen hinter der Theke. Und sie einen. Sehr zu empfehlen sind die Cookies! Ich weiß nicht, was sie da reinmachen (die einzige Information, die ich von der Geschäftsführerin bekommen habe, ist, dass die Schokolade darin aus Belgien ist), aber ich denke heute noch daran.

Uni in Korea: anders, aber auf eine gute Art 

Ich habe Kurse aus dem Bereich International Studies belegt:

  • International Law 
  • European Politics 
  • Korean Culture 

Meine Kurse waren auf Englisch und insgesamt entspannter als in Deutschland. Ein typischer Tag begann oft mit einer Vorlesung am Morgen. Man holt sich vorher etwas zu trinken, setzt sich rein und hört einfach zu. Es gibt weniger dieses „ständige Mitmachen müssen“, was ich als angenehm empfunden habe. Ich habe während des Semesters ehrlich gesagt nicht besonders viel gemacht und mich meist erst eine Woche vor den Prüfungen wirklich hingesetzt. Dann aber konsequent. Die Prüfungen waren unterschiedlich. Präsentationen, Essays, manchmal jede Woche, manchmal nur am Ende. Ein bisschen von allem dabei.

Wichtig zu wissen:

  • Anwesenheit ist Pflicht
  • Fehlzeiten werden schnell zum Problem 
  • Prüfungen: Essays, Präsentationen, kleinere Klausuren 

Was mich wirklich überrascht hat: 

Wie viele koreanische Studierende teilweise bis tief in die Nacht lernen. Der Leistungsdruck ist real, aber als Austauschstudent:in ist man ein wenig in einer Art „Bubble“. Und am Ende habe ich im Schnitt deutlich mehr gelebt als gelernt.

Alltag in Korea – Hagul & wichtige Apps

In Seoul kommt man in der Regel mit Englisch gut zurecht. Außerhalb von Seoul wird es aber schnell schwieriger. Das kann herausfordernd sein, macht die Erfahrung aber auch intensiver. Lern am besten vorher Hangul (das koreanische Alphabet). Das geht schneller, als man denkt, und macht dein Leben vor Ort deutlich einfacher. Vieles ist in Korea auf Hangul ausgeschildert – wer die Zeichen lesen kann, findet sich in U-Bahnen, Restaurants und Supermärkten gleich viel leichter zurecht, selbst ohne perfekte Sprachkenntnisse. Und: ein paar Apps erleichtern dir das Leben enorm.

Meine Survival-Apps:

  • KakaoTalk 
  • Kakao T 
  • Papago
  • Naver Maps 

KakaoTalk ist die wichtigste. Darüber läuft alles. Uni, Organisation, Freundschaften. Spätestens wenn du koreanische Freunde hast, kommst du daran nicht vorbei. Aber die Bedienung ist superleicht und ähnelt jeder anderen Messenger-App.

Kakao T ist im Grunde das Pendant zu Taxi und Uber (jeder benutzt dort ausschließlich Kakao T obwohl es Uber dort auch gibt, jedoch wenig vertreten). Es ist hilfreich, wenn du nachts unterwegs bist, weil die Bahnen nicht mehr fahren (ab Mitternacht fahren nur noch Busse). Man braucht es nicht zwingend, aber ich würde es dennoch empfehlen.

Papago ist dein bester Freund, wenn dein Koreanisch noch nicht weit genug reicht oder schlicht nicht vorhanden ist. Übersetzungen, Speisekarten entziffern, Schilder lesen, alles geht damit. Google Translate funktioniert zwar auch, aber Papago ist speziell auf Koreanisch optimiert und liefert deutlich bessere Ergebnisse. Die Kamera-Funktion ist Gold wert: einfach draufhalten, und der Text wird direkt übersetzt. Ohne die App hätte ich so manches Mal ratlos vor einem Menü gestanden.

Und Naver Maps ersetzt im Grunde Google Maps, weil Google Maps oft einfach nicht stimmt (das musste ich am eigenen Leib erfahren als mir eine Route angezeigt wurde, die so nicht existierte). Also Naver Maps runterladen und auf Nummer sicher gehen.

Freundschaften, die man nicht planen kann 

Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, dass es schwer wird, Anschluss zu finden. Also habe ich einfach den ersten Schritt gemacht und in eine Gruppe geschrieben, ob jemand Lust hat, sich zu treffen. Und dann sitzt man plötzlich mit Menschen zusammen, die man vorher nicht kannte und merkt, dass alle genau das Gleiche denken.

Der Wendepunkt war für mich der Club Cubig (Ein Club für Studierende um internationale und koreanische Studierende zusammenzubringen), weil ich bewusst koreanische Studierende kennenlernen wollte.

Dort ist meine Freundesgruppe entstanden. Nicht geplant, eher zufällig. Eine Freundin hat jemanden angesprochen, er hat zwei Freunde mitgebracht und so entstand unsere Freundesgruppe, die auch jetzt noch über Korea hinweg besteht. Am Anfang war es manchmal etwas holprig. Der Humor funktioniert anders, Sarkasmus kommt nicht immer an, bzw. wird nicht verstanden. Aber genau diese Unterschiede machen es so interessant (und amüsant).

Die Momente, die bleiben

Mit dieser Gruppe wurde alles intensiver. Wir sind zusammen gereist, wandern gegangen, haben Spiele gespielt und sehr viel gelacht. Neu gelernt habe ich das in Korea sehr bekannte „Zombie-Spiel“, bei dem jemand mit verbundenen Augen versucht, andere zu fangen und zu beißen. Klingt ein bisschen absurd, aber wir haben uns dabei teilweise wirklich nicht mehr eingekriegt.Und von diesen kleinen, aber wertvollen Momenten gab es unglaublich viele.

Wir waren unter anderem bei Familien zu Hause eingeladen, haben zusammen gegessen und plötzlich merkt man, dass man nicht mehr nur Besucher ist. Einmal waren wir bei einer Gedenkzeremonie auf einer Grabstätte. Sehr ruhig, sehr emotional. Solche Momente kann man nicht planen. Und genau deshalb bleiben sie.

Highlights: Reisen, Veranstaltungen, Partys

Wenn man schon mal in Korea ist, sollte man die Gelegenheit nutzen und das Land erkunden. Ich war in Busan, auf Jeju Island und in Sokcho sowie an vielen kleinen Orten. Aber auch Trips nach Japan und China waren kostengünstig und einfach. Das sollte man auf jeden Fall machen!

Was zudem toll an Korea und dem Unileben dort ist, sind die vielen Festivals und Veranstaltungen. Viel Musik, Essen und Tanz. Mein Highlight war das Sommerfestival, welches direkt an meinem Geburtstag war, zwei Tage ging, mit großen K-Pop-Acts und ganz viel Partystimmung.

Fazit: Mehr als nur ein Semester 

Nach sechs Semestern Jura in Berlin war ich müde, Korea hat mir gezeigt, dass es mehr gibt als den nächsten Prüfungstermin und dass man manchmal einfach raus muss, um wieder klar zu sehen. Die besten Dinge passieren oft genau dann, wenn man sie nicht plant.

Wenn ich heute daran zurückdenke, fühlt es sich nicht wie ein halbes Jahr an, sondern wie ein eigenes Kapitel. Also geh. Wirklich.

Mila Streicher, Jurastudentin, Autorin im IQB Karrieremagazin
Autorin
Mila Streicher

Mila Streicher studiert Rechtswissenschaften an der BSP Business & Law School Berlin und bereitet sich aktuell auf das Erste Staatsexamen vor. Zuvor absolvierte sie bereits erfolgreich den Bachelor of Laws (LL.B.). Parallel zu ihrem Studium ist sie als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Öffentliches Recht tätig.